Kapital & Arbeit

Veröffentlicht am April 29th, 2015 | von Fernanda Da Silva

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Hinter den Kulissen einer Gedenkveranstaltung – ein Leserbrief

Ein Abend zum Erinnern und zum Gedenken, ein Abend zur Ehrung der Überlebenden, ein Abend um Respekt zu bekunden – das alles sollte am Abend der Feierlichkeit zum Gedenken an die Befreiung des KZ Ravensbrück stattfinden.

Die Zeitungen berichteten, dass ca. 90 Überlebende angereist waren, dazu kamen verschiedene Gäste, darunter auch einige Politpromis.

Ohne die Hintergründe zu kennen, hat mich diese Veranstaltung persönlich sehr interessiert – es ist wichtig gegen das Vergessen anzukämpfen, aufzuklären, die Überlebenden zu ehren und ihnen die Möglichkeit zu geben ihre Geschichte zu erzählen, wenn sie es gerne möchten.

Doch was ich dann über diese Feierlichkeiten lesen musste, entsetzte mich zutiefst und bestürzt mich immer noch: In einem sogenannten „Zelt der Begegnungen“ sollten die Überlebenden mit anderen Gästen ins Gespräch kommen. Stattdessen, so berichteten ehrenamtliche Helfer, wurden die polnischen Gäste ganz anders behandelt: erschreckend schlecht, herabgesetzt und meiner Meinung nach schlichtweg demütigend.

So saßen die sogenannten Ehrengäste an reich gedeckten Tafeln, mit Porzellangeschirr und Kellnern die sie bedienten, während die betagten Damen und Herren an Holztischen sitzen, aus Plastikgeschirr essen und sich mit Essensmarken für ihr Essen anstellen müssen.

Beschämend! Das ist mein erster Gedanke. Wie kann man Menschen, die so viel durch gemacht haben und EINGELADEN werden, um dieser schlimmen Zeit zu gedenken, so herabsetzen? Wie zynisch kann ein Veranstalter sein, um die Politprominenz von vorne bis hinten zu bedienen, während Damen und Herren in hohem Alter am Nebentisch aus Plastikschüsseln essen müssen? Haben sich die Ehrengäste nicht geschämt? Ist keiner von ihnen auf die Idee gekommen, dass in diesem Moment etwas schief gelaufen ist? Wo bleibt der nötige und wichtige Respekt diesen Menschen gegenüber?

Ich bin wütend. Ich schäme mich in Grund und Boden, dabei habe ich persönlich nicht zu dieser Situation beigetragen. Ich fühle mich schlichtweg ohnmächtig gegenüber so viel Arroganz und Ignoranz. Ich kann nicht verstehen, wie die anwesenden Politiker nicht reagiert und protestiert haben. Sie haben versagt. Meiner Meinung nach hätten an diesem Tag des Gedenkens die Damen und Herren, die das KZ Ravensbrück überlebt haben, die Ehrengäste sein müssen – sie hätten an einer reich gedeckten Tafel sitzen sollen, bedient von Kellnern und geehrt durch die Politiker. Der mangelnde Respekt und die fehlende Einsicht von allen Anwesenden entsetzen mich. Wo bleibt das Mitgefühl? Wo bleibt Verständnis und der Blick für Gerechtigkeit?

Es kann nicht sein, dass ehrenamtliche Helfer vor Bestürzung und Scham erstarren, dass einige sagen sie hatten Tränen in den Augen beim Anblick dieser unverschämten Respektlosigkeit. Jakob Wischinowski, der als ehrenamtlicher Helfer vor Ort war, berichtet „der Welt“, dass ein Kollege zu einem der Promi- Tische gegangen sei und gesagt habe: „Sie sollten sich schämen, sich an diese Tische zu setzen“. Darauf reagiert haben die sogenannten Ehrengäste jedoch nicht, so Wishinowski.

Diesen Satz kann ich nur wiederholen und ich lege meine ganze Wut, meine Enttäuschung und das Gefühl von Ohnmacht, welches ich bei diesem Thema empfinde, in diesen Satz hinein: „Schämen Sie sich!“.

Die Männer und Frauen die angereist waren um als Überlebende an dieser Gedenkfeier teilzunehmen, verdienen eine solche Behandlung nicht. Sie verdienen Respekt, sie verdienen Hochachtung und sie verdienen Wertschätzung.

Das Mindeste das ich erwarte, ist eine Entschuldigung der sogenannten Ehrengästen und dem Veranstalter gegenüber den eingeladene Holocaustüberlebenden für ein solch unpassendes, respektloses Verhalten.

 


Über den/die Autor*in

Mein Name ist Nanda, ich bin 23 Jahre alt und komme aus Viernheim. Ich studiere Politikwissenschaft und öffentliches Recht in Mannheim und bin erste Vorsitzende der Jusos Viernheim, sowie stellvertretende Vorsitzende der Jusos Bergstraße.



One Response to Hinter den Kulissen einer Gedenkveranstaltung – ein Leserbrief

  1. Fritz Basseng says:

    Großes
    Danke!!!
    für diesen Bericht!!

    Aus diesem Blickwinkel habe ich diese Veransstaltungen leider auch nicht betrachtet!!!

    Aber Du hast vollkommen recht!!

    Auch ich schäme mich für mein Unverständnis!!

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