Jusos

Veröffentlicht am April 30th, 2015 | von Elisa Scaramuzza

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I’m back – Kandidatur für den südhessischen Bezirksvorstand

Liebe Genoss*innen,

letztes Jahr wurde ich aus dem Bezirksvorstand der südhessischen Jusos verabschiedet. Zuvor war ich jahrelang aktiv als Vorsitzende der Jusos Wetterau, als Beisitzerin im Bezirksvorstand und nicht zuletzt auch als stellvertretende Bezirksvorsitzende.
Jetzt bin ich zurück. Denn ich will das Sonnendeck ein weiteres Mal zum Maschinenraum umbauen.

Mein Name ist Elisa Scaramuzza, 23 Jahre alt, in der Wetterau und in Hessen zu Hause. Seit 10 Jahren bin ich politisch aktiv – angefangen bei der Schüler*innenvertretung und dem SV-Bildungswerk, über die Sozialdemokratie und nicht zuletzt auch antifaschistische, feministische und internationale Zusammenhänge. Aktivismus und politische Bildung sind mein täglich Brot und meine Leidenschaft – nicht nur bei den Jusos. So arbeite ich z.B. freiberuflich als politische Bildnerin, Moderatorin und Trainerin und studiere an der JLU Gießen Englisch und Politik&Wirtschaft auf Gymnasiallehramt (L3). Stets richte ich mein Augenmerk dabei auf Macht- und Herrschaftsverhältnisse – so auch bei uns Jungsozialist*innen.


Anti-Diskriminierung und Gleichstellung bedeuten mehr als formale, rechtliche Gleichheit

Anti-Diskriminierungspolitik, die Bekämpfung sozialer Ungleichheit und das Streiten für eine umfassende gesellschaftlich-politische Teilhabe sind deshalb meine Arbeitsschwerpunkte. ‚Geschlecht’ ist für mich eine zentrale Strukturkategorie, die meinen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse entschieden geprägt hat; doch möchte ich auch andere Anliegen, Kategorien und deren Verschränkung nicht aus den Augen verlieren.
„Anti-Diskriminierung“ und „Gleichstellung“ sind dabei mehr als nur formale, rechtliche Gleichheit, mehr als Repräsentation und das scheinheilige Versprechen der „Chancengleichheit“. Wenn wir die umfassende gesellschaftlich-politische Teilhabe aller wollen, dürfen wir [auch, aber] nicht nur für die Frauenquote und die Öffnung der Ehe streiten. Die jungsozialistische Idee der Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität geht darüber hinaus.
Ich will eine Gesellschaft der „Freien und Gleichen“; eine Gesellschaft, in der Menschen sich entfalten können, weil sie nicht um ihre Existenz fürchten müssen. Damit Menschen nicht in Armut leben. Damit Menschen, die sich gegen unterdrückende Geschlechter- und Sexualnormen auflehnen, nicht beleidigt, geschlagen, verstümmelt werden. Damit Frauen* nicht ständig erniedrigt, objektifiziert und sexualisiert werden. Damit Fette nicht „abnehmen“ müssen, bevor sie vom Arzt behandelt werden (und alle in Ruhe Kuchen essen können). Damit Geflüchtete nicht angegriffen, bedroht und erniedrigt werden; damit sie nicht vor den Küsten Europas ertrinken, weil wir uns abschotten. Denn all lives matter. Damit wir nicht mehr in Angst leben müssen, für unsere psychische Anstrengung und Probleme pathologisiert und verurteilt zu werden – sondern alle die Unterstützung erhalten, die wir manchmal brauchen.
Als „Arbeitslosenkind“, die selbst schon Hartz-IV bezogen hat, weiß ich, was „relative Armut“ und „soziokulturelles Existenzminimum“ bedeuten. Ich weiß, dass der „soziale Aufstieg durch Bildung“ anstrengend, aber möglich war, denn ich bin die Erste mit Abitur und die Erste in meiner Familie, die ein Studium begonnen hat. Ich bin eine 23-jährige Weiße Person, die aus einem ‚sozial schwachen’ Elternhaus kommt; die einen südeuropäischen Migrationshintergrund hat; die meist als ‚Frau’ gelesen wird, aber nicht immer; die für ihren Körper, ihre Beziehungen, ihre Sexualität immer wieder Diskriminierung erfahren hat und erfährt, unsichtbar gemacht wurde und wird. Ich weiß um die Privilegien, die ich habe und weiß um jenes, was wir uns in diesen Verhältnissen hart erkämpfen müssen.

„Anti-Diskriminierung“ und „Gleichstellung“ bedeuten für mich also nicht nur, Menschen an Strukturen zu beteiligen – sondern auch, über die Verhältnisse hinaus zu denken. Jungsozialistische Politik zu machen, weil wir das gute Leben wollen. Für uns. Für alle. Sofort.

„Es geht um Solidarität, Respekt und Konsens“ – Für eine neue Verbandskultur

Nicht zuletzt müssen sich diese Anliegen auch in unserer eigenen Arbeit, in unserer Verbandskultur, widerspiegeln. Das ist für mich die andere Bedeutung der Doppelstrategie. Wir Jusos wollen nicht nur in der Partei und mit den sozialen Bewegungen wirken. Wir erheben auch den Anspruch, die Welt – über Parlamente und Proteste hinaus – durch unser alltägliches Handeln zu gestalten. Wir reden nicht nur über Anti-Diskriminierungspolitik und Gleichstellung – wir leben sie auch. Das fällt der deutschen Politik oft nicht leicht – und so müssen auch die Jusos daran arbeiten, ihre eigenen Ausgrenzungsmechanismen und Herrschaftsverhältnisse zu reflektieren.
Ich möchte einen Verband, der sich durch mehr Menschlichkeit – und nicht mehr Machtkämpfe – auszeichnet. Ich möchte einen Verband, der sich nach unseren Leben ausrichtet – und nicht umgekehrt. Einer, der Menschen beteiligt; der zum Mitmachen, Nachdenken, zum Widersprechen einlädt; der kooperativ, solidarisch und vielfältig ist. Nicht, weil wir dazu gezwungen sind – sondern weil wir es als das Richtige erachten.
Denn: Wie können die Jusos, wie können linke Zusammenhänge eine Gesellschaft jenseits des Leistungszwangs predigen, gleichzeitig aber die völlige Selbstaufgabe ihrer Mitglieder fordern? Wie können sie einen antisexistischen Anspruch formulieren, gleichzeitig aber männliches Mackertum belohnen und Entscheidungen in Männergruppen treffen (die eine oder andere Frau darf natürlich zu Alibizwecken auch daran beteiligt werden)? Wie können sie Herrschafts- und Machtverhältnissen den Kampf ansagen, gleichzeitig aber trotzdem versuchen, sich mit Ellenbogen und Intrigen an die Spitze zu befördern?

Die Jusos sind und bleiben für mich ein Ort, um die Verhältnisse konstruktiv zu verändern. Wir brauchen aber einen Verband, der nicht darauf wartet, Ausgrenzung, Diskriminierung und Mackertum auf parlamentarischen Wegen zu lösen. Wir warten nicht auf die politische Alternative. Wir sind sie.

In unserem Denken und in unserem Handeln. In unseren progressiven Inhalten, Methoden, Strategien. Im Umgang mit anderen, aber auch miteinander.

Liebe Genoss*innen,
mit einem kritisch-solidarischen Austausch, emanzipatorischer politischer Bildung und den entsprechenden öffentlichkeitswirksamen Kampagnen will ich als Bezirksvorstandsmitglied dazu beitragen, eine solche Gesellschaft und einen solchen Verband zu gestalten. Gerne stehe ich euch in den Wochen bis zur Juso-Bezirkskonferenz (und darüber hinaus) für eure Anregungen, Fragen und Kritik zur Verfügung.

Solidarische Grüße,
Elisa Scaramuzza

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Über den/die Autor*in

Elisa ist 23 Jahre alt, freiberufliche politische Bildner*in und Lehramtsstudent*in (Englisch, Politik und Wirtschaft) an der JLU Gießen. Inhaltlich beschäftigt Elisa vor allem Anti-Diskriminierungspolitik und sozialer Teilhabe, so u.a. in den Themenfeldern Anti-Rassismus, Feminismus, LGBT*QIA (lesbisch, schwul, bi, trans*, queer, inter* und asexuellen) Anliegen, Körpernormen und sozialer Ungleichheit.



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