Verbandsleben

Veröffentlicht am Juli 17th, 2015 | von Giorgio Nasseh

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Vom Parteinachwuchs zur Bewegungsjugend

In fast jeder Strategiedebatte der Jusos oder in jeder zweiten Bewerbungsrede auf der Konferenz ist das Schlagwort der sogenannten „Doppelstrategie“ der Jusos zu hören. Eine kritische Analyse an unserem Verband führt zu dem Ergebnis, dass diesem frommen Wunsch kein praktisches Konzept unterlegt ist. In diesem Beitrag soll die Perspektive dieser Strategie erweitert und um wichtige Schritte ergänzt werden. Dies ist ein Plädoyer zum Zusammenschluss mit unseren Vorfeldorganisationen zu einer gemeinsamen Bewegungsjugend.

Raus aus den Parteihäusern

Eine kritische Bestandsaufnahme unseres Verbandes führt zu einer schnellen Erkenntnis: Debatten der Jusos werden oft in abgeschlossenen Zirkeln geführt, die in Hinterzimmern des Parteihauses stattfinden. Die dort entstandenen Papiere verweilen oft in einer bedeutungsschwangeren Phrasen-Sprache, die für Außenstehende so verständlich sind wie kryptische Tontafeln längst untergegangener Zivilisationen. Meist schaffen diese Anträge nicht den Sprung aus der nächsten Redaktionskommission der Partei und werden an einen nicht tagenden Arbeitskreis verwiesen, das heißt ersten Grades ins politische Nirwana verbannt. Dadurch ist die Gestaltung- und Wirkungsmacht der Jusos stark begrenzt. Wir verlieren den Zugang zu einer Vielzahl von jungen Menschen, die sich praktisch für soziale Gerechtigkeit einsetzen wollen und ihr Engagement in spürbar veränderte Umstände ausbezahlt haben möchten. Dies geschieht nicht durch die Fremdbestimmung der Parteigranden, sondern aus eigener Entscheidung haben wir uns in eine Sackgasse manövriert. Junge, an emanzipatorischen Diskursen interessierten Menschen fällt es schwer, uns ihre schon verkürzte Freizeit zu widmen, wenn sie das Gefühl haben: Es lohnt sich nicht, die können ja eh nichts verändern. Dabei könnten wir viel mehr – wir wirken unter unseren Möglichkeiten.

Individualisierung als Chance

Die Bandbreite unserer Mitglieder könnte vom Antifa-Aktivisten bis hin zur Funktionärin der lokalen Jugendfeuerwehr reichen. Dies bedeutet vor allem, dass junge Leute dort abgeholt werden müssen, wo sie mit ihrer Lebensrealität stehen. Nicht jedes potentielle Neumitglied bei den Jusos ist an hochtrabenden Debatten über die Abschaffung des Kapitalismus interessiert, wie auch nicht jede dazu gewonnene Aktivistin Plakate an Litfaßsäulen kleistern möchte oder bereit ist, auf dem Weihnachtsmarkt Crêpes für die Juso-Kasse zu verkaufen. Jedoch sind alle Teile wichtig für unsere innere Struktur und jede dieser Aktivität feste Säule der Juso-Arbeit. In einer Welt, in der sich junge Menschen nur ungern ideologisch binden möchten, müssen wir als  progressive Jugendorganisation unser Angebot erweitern und Nischen für eben diese viel projektorientierteren Jungendlichen schaffen. Die aktuellen Angebote sind durch eine Taktung bestimmt von Wahlkämpfen, innerparteilichen Richtungskämpfen, Bezirkskonferenzen, bis hin zu zahlreichen Sitzungen der verschiedensten Gliederungen, die den Zeitgeist aller jungen kritischen Menschen nicht treffen und so unattraktiv wie nur erdenklich möglich wirken. Kurz um: Wir sind ein mono-strategischer Verband. In der Aufspaltung linker Bewegungen in unterschiedliche Richtungen und Thematiken können wir auch eine Chance sehen – es bietet uns die Möglichkeit, verschiedene Individuen abzuholen und, sofern sich des gemeinsamen Ziels einer besseren Gesellschaft bewusst ist, auch mehr erreichen.

Das Aktionsfeld erweitern

Als natürliche, miteinander verwobene Allianz können wir nicht nur nach außen in der öffentlichen Debatte stärker Präsenz zeigen, sondern dadurch auch mehr Druck auf die eigene Mutterpartei ausüben. Momentan sind wir auf Parteitagen ein Fliegengewicht, das durch viel Einsatz und Ausdauer den richtigen Schlag auf die Parteioberen versucht. Meist vergeblich. Mit einem breiten, gesellschaftlichen Bündnis im Rücken würden wir zu einem Mittelgewicht zulegen, das nicht schon in der zweiten Runde umfällt oder sich genötigt fühlt schon frühzeitig das Handtuch zu werfen. Wir haben die Chance, aus unserer schnöden Rolle des simplen Parteinachwuchs, zu einem eigenständigen Richtungsverband innerhalb der Sozialdemokratie zu erwachsen. Dazu ist vor allem eines wichtig: Wir müssen uns vom strukturkonservativen Denken der Jusos als bloße Jugendabteilung innerhalb der SPD verabschieden. Dies ist keine Unabhängigkeitserklärung zur Partei, sondern lediglich die geistige Fixierung auf SPD- Parteitage und SPD-Fraktionen als alleinige Arenen oder Adressaten unseres politischen Handelns lösen. Wir müssen Bewegungsjugend werden!

Schulterschluss mit unseren Vorfeldorganisationen

Bewegungsjugend bedeutet vor allem die sozialdemokratischen Vorfeldorganisationen wieder für sich zu entdecken. Schaut man in die Historie der sozialdemokratischen Bewegung, war die Parteistruktur der politische Arm einer ganzen Arbeiter*inneninfrastruktur, die nach Regierungsübernahme in die staatliche Struktur integriert werden sollte und als Blaupause für den modernen Wohlfahrtsstaats galt. Dazu gehörten die sozialistischen Pfadfinder (Die Falken), der eigen Wohlfahrtsverband (die AWO), eine eigene Ambulantenhilfe (Der ASB) bis hin zum eigenen naturverbundenen Freizeitverein(Naturfreunde), der den Arbeiter*innen, die meist in Quartieren auf Industriehöfen lebten, die erholsame Landschaft näher brachte. Und natürlich die Gewerkschaften, die sich konkret in den Betrieben für bessere Arbeitsverhältnisse einsetzten und dies noch tun.Manch einer ist vielleicht nicht so angetan von Vorstandssitzungen mit Diskussionen bis tief in die Nacht und geht lieber auf eine Nachtwanderung mit den Falken. Beim Wahlkampf, der Sammelaktion oder der Demo gegen die außerparlamentarische extreme Rechte sind alle vereint unterwegs. So könnte das Repertoire des politischen Aktivismus massiv erweitert werden Sei es   ein Benefizkonzert für Asylsuchende, ein gemeinsames Demo- und Blockadetraining oder Hilfestellungen bei der Ausbildungsbewerbung: Wir könnten unseren Inhalten praktische Taten folgen lassen und so Glaubwürdigkeit bei unserer Kernklientel zurück erobern. Vorstandssitzungen werden so zu strategisch-politischen Treffen in denen konkrete Veränderung ausgeklügelt wird. Dabei sollte folgendes nicht vergessen werden: Diese Juso-nahen Organisationen leiden unter ähnlichen Problemen wie wir selbst. Stagnierende oder sinkende Mitgliederzahlen, geringer Mobilisierungsgrad und organisatorische Schwächen sind dort genauso häufig wie in anderen progressiven Verbänden anzutreffen.

Modell für eine eigene Erzählung

Eine Bewegungsjugend wird vielleicht nicht gesellschaftliche Trends wie die Individualisierung wirksam abbremsen können, was auch nicht wünschenswert wäre, die Schlagkraft linker Verbände würde allerdings bei einem gemeinsamen Vorgehen deutlich ansteigen. Ein Vorteil, den die Jusos mitbringen, ist auf jeden Fall ihre effiziente und stabile Struktur mit einer zumindest in Hessen flächendeckenden Präsenz. Kurz um: Wir sind der einzige linke Jugendverband in der Fläche. Dieser Umstand macht es zu unserer Aufgabe, Bindeglied für all diese Organisationen darzustellen, die links der Mitte stehen. Denn einen Vorteil bringt Parteistruktur mit sich: Politische Kontinuität. Soziale Bewegungen leiden meist unter ihrem temporäre Bestehen: Entweder das Ziel wird erreicht und die monothematische Bewegung kann sich zufrieden auflösen oder sie verliert sich selbst in einem Richtungsstreit. Die Parteistruktur mit ihrer zähen Bestandsfähigkeit kann hier zum Anker werden. Beide Seiten profitieren letztendlich. Die Sozialdemokratie kann wieder mit einer Infrastruktur auftrumpfen und die einzelnen Verbände können gemeinsam eine gesteigerte Wirkungsmacht erlangen – kulturelle Hegemonie entfalten. Die Nachwuchsjugend ist immer nur die Reclam-Ausgabe der Partei. Die Bewegungsjugend kann das Hard-Cover Modell einer eigenen Erzählung werden.

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Über den/die Autor*in

26 Jahre alt, Student an der Goethe-Uni und Darmstädter Juso. Stellvertretender Vorsitzender der Jusos Hessen-Süd. Meine inhaltlichen Schwerpunkte sind Antifaschismus und Kampf gegen Rechtspopulismus, öffentliche Daseinsvorsorge und Internationales.



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