Die machinenlesbare Euroscheckkarte – Eine Glosse.

Wir schreiben das Jahr 1985. Die Jusos im SPD Bezirk Hessen-Süd haben in der Reihe “Linke Argumente” unter der Nummer 09 einen Reader herausgegeben, der zur damaligen Zeiten als hochmodern und designtechnisch voll auf der Höhe gegolten haben muss. Wenn nicht gar avantgardistisch. Er enthält neben 3-Farbigem Titeleinband im einfarbigen Inneren Graphik und Textelemente und hat im Satzspiegel zwei Spalten im Blocksatz aufzubieten.

Inhaltlich setzte man sich damals mit dem Thema “Neue Technologien” auseinander. Für die Jusos von 1985, als Marty McFly im Delorean das erste Mal zurück in die Zukunft hoppelte, wird so ein Reader im Vorwort von Norbert Schmitt, heute als Landtagsabgeordneter schon ein “Alter Hase”, mit dem Ausspruch “Chip-Chip-Hurra” eröffnet und schließt sinngemäß mit den Worten:  “Wir müssen die Instrumente in die Hand bekommen, auch die eine oder andere Technologie verhindern zu können und dürfen es nicht den Unternehmern oder Wissenschaftlern überlassen, welche Technologien entwickelt und eingeführt werden.”  Gut möglich, wennn nicht gar sehr wahrscheinlich, dass auch Norbert Schmitt heute tagtäglich bei jeder sich bietenden Gelegenheit das neueste iPhone benutzt.

Ein Absatz jedenfalls dieses geschichtlichen Werkes wirkt aus heutiger Sicht besonders interessant. Darin ist zwar von irgendeiner fernen Zukunft die Rede, aber lest selbst:

 

Die machinenlesbare Euroscheckkarte

 

Es ist geplant, daß in Zukunft die Kassen im Supermarkt mit einem Gerät verbunden werden, das einen Leseschlitz für die Euroscheckkarte sowie eine Tastatur besitzt. Nachdem dann über die Kasse die Waren und der Preis registriert worden sind, könne der Supermarktkunde in Zukunft dann seine Euroscheckkarte durch den Leseschlitz ziehen und über die vorhandene Tastatur eine Geheimzahl eintippen. […] Die Frage ist nun, welche Probleme sich bei der Einführung dieser Art des bargeldlosen Zahlungsverkehrs einstellen. So muß man folgendes wissen: Damit das System […] überhaupt klappen kann, ist es notwendig, daß in einem Rechenzentrum von den unterschiedlichen Sparkassen und Banken die notwendigen Informationen zusammenlaufen. Weiterhin ist es natürlich notwendig, daß die Banken und Sparkassen sowie die beteiligten Supermärkte und Kaufhäuser mit dem Rechenzentrum über ein Netz verbunden sind. In diesem Rechenzentrum laufen dann alle Buchungsinformationen zusammen. In der Zentrale werden alle Daten gespeichert,  z.B. an welchem Ort, zu welcher Zeit, was und wie hoch eingekauft wurde. Da aus technischen Gründen […] und aus Gründen der Dokumentation (z.B. wenn Beschwerden bezüglich der Einkaufssumme eintreffen) die Informationen über längere Zeit gespeichert werden müssen, ist es möglich, über die Zentrale abzufragen, wann und wo Du mehr als 30,- DM ausgegeben hast (30,- DM sollen die Mindestsumme für den Einsatz der maschinenlesbare (sic) Euroscheckkarte sein).

Nunmehr könnte man sich ja auf den Standpunkt stellen, wer sich an dieser Art zu bezahlen beteiligt, sei selber daran schuld. Auch hier kann sehr schnell über eine entsprechende Gebührenpolitik Druck auf die Barzahler ausgeübt werden. Angesichts der Datenschutzprobleme jedoch […] ist es möglich, noch viel bessere und engere Bewegungsbilder eines Menschen zu zeichnen als dies bei der Einführung des maschinenlesbaren Personalausweises der Fall sein wird. So wird festzustellen sein, ob jemand rote Rüben mag oder lieber Ananas, ob er den Spiegel im Supermarkt kauft oder den Kicker bevorzugt. Auch hier liegen die Gefahren der zunehmenden Verdatung unseres Lebens klar auf der Hand.

In Holland gibt es ein Gesetz, das vorsieht, daß der Lohn über die Banken auszuzahlen ist. Sinn dieses Gesetzes ist, daß der Statt wissen will, was jemand verdient. Es besteht die Befürchtung, daß auch unser Staat sehr viel wissen will.

Einmal abgesehen vom Verweis auf die berühmte “Rote Rübe” (der den kundigen Jungsozialisten aus dem Jahre 2014 genügen dürfte, um beim Autor des Werkes auf eine*n Genossin*en aus dem Unterbezirk Wetterau zu tippen) ist es durch aus sehr interessant, was alles innerhalb von 30 Jahren daraus geworden ist. Vermutlich liest du diesen Artikel gerade (an der Supermarktkasse)  aufgrund einer Benachrichtigung  von Facebook auf deinem Smartphone, mit dem du spätestens nach dem 9. September (Apple Keynote) relativ schnell bezahlen sollen wollen wirst.  Andere Zeitzeugen der ’85er Jusos beschränken sich vermutlich weiterhin darauf, zum Erheitern ihre Timeline regelmäßig Bilder ihres Haustieres zu veröffentlichen.

Die Unternehmen haben sich eben (leider?) nicht wirklich von den ’85er Jusos abhalten lassen und trotzdem neue Technologien entwickelt und eingeführt. Und obendrein, die ’85er Jusos haben es geahnt, davor gewarnt und sitzen heute selbst an den Hebeln der Macht, oder im Falle von Norbert Schmitt, daneben, und wachen brav über die Einhaltung des Datenschutzes, zumindest des dimensionell überschaubaren Teils. Das Netz hat nicht nur die Zentrale eingewoben, sondern sich um uns alle gelegt. Und wir haben uns brav reingelegt und es uns bequem gemacht. Und es ist nicht nur der eigene Staat, der vieles wissen will, es sind Unternehmen, die vieles wissen und es sind wir selbst, die alles preisgeben, freiwillig oder gezwungen, wie man es nimmt. Und es ist dann doch wieder der Staat, der alles auch “Haben will” um uns zu schützen natürlich, wozu denn sonst? Kontrolle vielleicht? Mensch, jetzt sind wir alle Online, also im Netz, also richtig schön “ins Netz gegangen”.

Und was machen wir Jusos heute? Wir kämpfen für Netzneutralität, allerdings nicht ganz Ideologiefrei,  für das Recht an den eigenen Daten, für Medienaufklärung in der Schule als Unterrichtsfach und für einen schnellen Internetzugang für alle, weil das Medium Internet inzwischen für uns so wichtig ist wie unser täglich Brot, Wasser, Strom, eine Schulbildung, ein funktionierender und bezahlbarer (Hallo André Kavai!) öffentlicher Personennahverkehr, gute Gesundheitsversorgung, soziale Absicherung, gute Arbeitsbedingungen. Für unsere Generation geht es nicht mehr um das “ob” – sondern um das “wie”.

Dabei wird eines deutlich: Auch und gerade die SPD muss sich rapide und deutlich intensiver mit Netzpolitik befassen. Man bekommt das Gefühl, dass die Kritiker von einst noch heute denken, dass dies alles “Neue Technologien” seien, die man zwar ablehnen, nicht aber sozial gestalten müsse. Versuche, in Südhessen einen Arbeitskreis Netzpolitik zu gründen, sind daran gescheitert, dass der Arbeitskreis “Medien”, der sich um Dinausaurierthemen wie den Rundfunkstaatsvertrag kümmert, der Meinung war, man könne dieses Thema doch auch ausreichend im bestehenden Arbeitskreis behandeln. Das man dann wahrscheinlich bei Integer und Float anfangen muss, also quasi bei Codezeile 0, wird vergessen und dann anschließend gegen die “komischen Nerds”, die sich in unserer Partei mit Netzpolitik beschäftigen, verwendet. Gleichzeitig und gerade deshalb ist dies ein linkes Zukunftsprojekt für die Jusos. Wer, wenn nicht wir, können und müssen unsere Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität ins Netz tragen und unsere Partei damit kompatibel machen für das dritte Jahrtausend.

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Über den/die Autor*in

Justin ist der Geschäftsführer der Jusos Hessen-Süd und auch für administrative Aufgaben bei linksterblog.de mit-zuständig. In der freien Wildbahn beschäftigt er sich, neben der ausführlichen Recherche für die Rubrik "Fundstück der Woche". mit Fotografie, Netzpolitik und Mediendesign. Seine Stärken sind seine Kreativität, sein Einfallsreichtum, seine Ideen und seine Kreativität.



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