Demokratie

Veröffentlicht am Januar 10th, 2015 | von Farnaz Nasiriamini

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Die Kunst soll sterben und die Freiheit mit dazu #JeSuisCharlie

Es ist, als hätte jemand meinen Gedankenfluss unterbrochen. Ich soll Angst haben zu denken. Frei zu denken. „Unterstehe dich zu philosophieren, geschweige darüber zu reden oder zu schreiben. Auf kreatives Zeichnen gibt es neuerdings wieder die Todesstrafe“ – das wollen sie: Dass wir Angst bekommen, uns unter ihren Waffen beugen. Klartext: Ab und zu öfter den Mund halten. Nie wieder Stifte spitzen. Nie wieder beschriftetes und bemaltes Papier. Die Kunst soll sterben und die Freiheit mit dazu.

 

Warum?

DownWithTerror

Das höchste Gut eines Menschen sind seine Gedanken. Das höchste Gut einer Gesellschaft ist es, wenn man seine Gedanken laut aussprechen darf, in Dialoge treten kann. Ich möchte mich nicht jedes Mal aus Angst umdrehen und flüstern müssen, wenn ich über gesellschaftliche Missstände rede, wenn mir etwas nicht passt. Ich möchte mich auf den Dächern dieser Welt stellen, über Gott und die Welt schimpfen und dazu Flugblätter mit satirischen Aufsätzen und Karikaturen regnen lassen. Und wenn ich keine Lust darauf habe, im Bett liegen bleiben.

 

Der Terroranschlag am 7. Januar auf die Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ in Paris ist nicht nur eine zutiefst grausame und barbarische Art, um auf satirische Arbeit zu reagieren sondern vor allem ein Angriff auf die künstlerische Freiheit, die Pressefreiheit. Satire ist Kunst. Eine Art, sich in überspitzer und bissiger Form kritisch mit Themen auseinander zu setzen. Satire verliert ihren Sinn, wenn sie stets Rücksicht nimmt. Zwölf Menschen mussten bei dem Terroranschlag mit dem Leben bezahlen – unter ihnen Journalistinnen und Journalisten – ihre Gedanken und Ideen mit ins Grab nehmen.

 

Warum?

JeSuisCharlie11

Unterdessen nutzen rechtskonservative und rechtsradikale Parteien den Anschlag als Mittel, um ihre diskriminierenden und menschenverachtenden Ideologien zu rechtfertigen.

 

So fordert die Vorsitzende der rechtsextremen Partei „Front National“ Marine Le Pen nur einen Tag nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift ein Referendum zur Todesstrafe in Frankreich, nimmt den Anschlag als „Kriegserklärung“ auf und stigmatisiert den Islam.

Wer im Namen der Religion, ohne mit der Wimper zu zucken mordet und sich dabei für einen Propheten rächt gehört ganz klar in die geschlossene Psychiatrie . Denn Terror hat keine Religion, Terror ist ein Verbrechen. „Dies ist ein feindlicher und menschenverachtender Akt gegen unsere freie Gesellschaft”, sagte Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland.

Mit ihren Forderungen verletzt Le Pen nicht nur Millionen Muslime, die friedlich ihre Religion ausleben, sondern stellt sie mit Verbrechern gleich.

Sie sollte in Bezug auf die Einführung der Todesstrafe doch wissen, dass man Blut nicht mit Blut wäscht, sondern mit Wasser. Der Versuch, die emotionale Unsicherheit einer Nation gerade jetzt auszunutzen ist nicht nur unbegrenzt anstößig, sondern auch respektlos gegenüber den ermordeten Journalistinnen und Journalisten, die Le Pen und ihre Bewegung selbst mehrmals durch Karikaturen verspottet haben.

 

In Deutschland freut sich fortgesetzt auch die rechte Bewegung Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) und sieht mit dem Anschlag ihre These der Islamisierung Europas bestätigt. „Die Islamisten, vor denen Pegida seit nunmehr zwölf Wochen warnt, haben heute in Frankreich gezeigt, dass sie eben nicht demokratiefähig sind, sondern auf Gewalt und Tod als Lösung setzen!”, kommentiert die Facebookseite von Pegida den Terroranschlag.

Anzumerken ist hier, dass die zwei mutmaßlichen Attentäter Chérif (32) und Said Kouachi (34) auch den Polizisten und Moslem Ahmed Merabet, der sich ihnen in den Weg gestellt hatte mit einem Kopfschuss unbeirrt getötet haben.

Es bleibt abzuwarten, ob die Bewegung jetzt noch mehr Zulauf bekommt. Bisher war ihr Stützpunkt Dresden in Sachsen gewesen, obwohl dort unter 3% der Bevölkerung Muslime sind. Viel gefährlicher ist außerdem, dass die Bewegung gegen Flüchtlinge und Asylbewerberinnen und Asylbewerber hetzt und immer mehr Zulauf von rechtsextremen bis zu rechtskonservativen Parteien bekommt. In den letzten Wochen fanden viele Gegendemonstrationen statt, die Deutschland als weltoffen und gastfreundlich verteidigten.

 

Die Attentäter von „Charlie Hebdo“ haben nicht nur dem Ansehen der muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger geschadet, sondern rechtem Gedankengut eine Grundfläche zum Sähen geboten.

 

Warum?

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Gleich nach dem Attentat hat sich eine Solidaritätsbewegung auf der ganzen Welt zusammengeschlossen, die sich mit den Worten „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie) solidarisch zu den Opfern und der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ bekennt und somit die Meinungs- und Pressefreiheit auf Straßen und im Netz verteidigt. Allein Millionen Mal wurde binnen wenigen Stunden der Hashtag #JeSuisCharlie auf Twitter nach der Tat geteilt. Mit Buntstiften versammelten sich Trauende in Paris und im Ausland vor den französischen Botschaften, um zu zeigen, dass die künstlerische Freiheit stärker ist als der Terror.

Weltweit druckten viele Zeitungen und Zeitschriften die Karikaturen der Satirezeitschrift am Tag nach dem Attentat ab, um zu zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen. Der Chefredakteur Tim Wolff des Deutschen Satiremagazins „Titanic“ kommentierte im „Nachtmagazin“ des Ersten: „…selbstverständlich bin ich wie jeder andere angewidert von dieser Tat, fühle natürlich auch eine besondere Verbindung, weil es Kollegen waren, die da gestorben sind, aber als Chefredeakteur eines Satiremagazins muss ich sagen, ich brauche Distanz zu diesen Geschehnissen. Man sollte sich davon in seiner Arbeit nicht beeinträchtigen lassen“ und erklärt, dass sie die Sicherheitsmaßnahmen in der Redaktion nicht verstärken werden, weil sie, was Muslime angehe, nur gute Erfahrung gemacht haben.

„Ich glaube deutsche Muslime können sehr gut mit Satire umgehen“, fasst er zusammen und fügt noch hinzu, dass er, „um die Freiheit der Satire zu verteidigen, die Parole ausrufen würde, terrorfeindliche Witze zu machen anstatt sich hinzustellen und ganz viele Mohammad-Karikaturen zu zeigen, weil man damit ganz viele Menschen beleidigt, die Satiriker nicht töten wollen.“

 

Die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ selbst hat auf ihrer Homepage angekündigt, ihre Arbeit fortzusetzen. Zahlreiche Spenden und Unterstützungen ermöglichen das. Die nächste Ausgabe soll mit einer Auflage von Millionen gedruckt werden, sonst waren es immer rund 60000.

 

Es ist, als hätte jemand meinen Gedankenfluss unterbrochen. Ich soll Angst haben zu denken. Frei zu denken. „Unterstehe dich zu philosophieren, geschweige darüber zu reden oder zu schreiben. Auf kreatives Zeichnen gibt es neuerdings wieder die Todesstrafe“ – das wollen sie: Dass wir Angst bekommen, uns unter ihren Waffen beugen.

 

Warum?

 

Damit moralische, religiöse oder sonstige Gefühle anderer nicht verletzt werden – damit ich das Risiko vermindere, Opfer eines Terroranschlags zu werden. So ticken Terroristen also. Geistige Erpressung. Aber da machen wir nicht mit, da mache ich nicht mit. So läuft das nicht. „Wir lassen uns durch Hass nicht spalten“, wie Joachim Gauck es gesagt hat. Die Gedanken sind frei. #JeSuisCharlie.

 

 

Angriff auf den Polizisten Ahmed Merabet

https://www.youtube.com/watch?v=EkQ_I8erKrA&bpctr=1420823711

 

Interview mit Tim Wolff

https://www.youtube.com/watch?v=Z8lu4qmiwDs

 

Bildquellen:

Down with Terror: Neelabh Banerjee

7. Janvier 2015: Loic Sécheresse

Je suis Charlie: Jean Jullien

http://www.buzzfeed.com/ryanhatesthis/heartbreaking-cartoons-from-artists-in-response-to-the-ch#.uydAyW9ll

 

 

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Über den/die Autor*in

ist 1994 geboren und studiert Soziologie, Politik & Ökonomie. Sie beschäftigt sich mit sozialpolitischen Themen.



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