Antifa & Antira

Veröffentlicht am Juli 27th, 2015 | von Ann-Katrin Schütz

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Die Welt zu Gast bei Feinden – Deutsche Willkommenskultur im Jahr 2015

Gestern gegen 16 Uhr begegnete ich dem Problem Ausländerfeindlichkeit zum ersten Mal in meinem eigenen Umfeld, ohne auf einer Demo zu sein, ohne mich darauf vorbereitet zu haben. Auf dem Weg zur letzten Klausur dieses Semesters sah ich, dass das Unigebäude mit den Worten “Asylflut stoppen, Politik + Medien = Lug + Trug” beschmiert worden war. Entsprechend schockiert musste ich kurz stehen bleiben und meine Kinnlade wieder hoch klappen. Schockiert: ja, überrascht: leider nicht. Seit Wochen und Monaten tobt der blanke Hass in sämtlichen sozialen Netzwerken. Viele Genossinnen und Genossen sehen wahrscheinlich nur die noch harmlosen Kommentare auf eher neutralen Seiten, aber wenn man sich aus dem eigenen politischen Dojo herausbegibt, möchte man einfach nur noch weinen über so viel Dummheit. Beteiligt man sich an diesen “Diskussionen” und versucht, mit Fakten und Vernunft zu argumentieren, erntet man Beleidigungen und Drohungen; man wird gefragt, woher denn diese “SPD-Kacke” auf einmal käme.

Halb so wild, könnte man jetzt denken, lasst die Trottel doch reden; aber immer öfter folgen den Worten jetzt auch Taten. Brandanschläge, Schüsse und Schmierereien auf Flüchtlingsunterkünfte wecken Erinnerungen an die Progrome von Rostock-Lichtenhagen; aber eben nur bei denen, die alt genug sind, um sich zu erinnern, also wohl kaum bei den Teenagern, die sich vor den Karren von Pegida & Co. spannen lassen. Pegida, Initiativen “besorgter Bürger” und völkische Netzwerke zum Schutz der abendländischen Kultur, das sind Rassisten und Neonazis, die sich in die Mitte der Gesellschaft gepredigt haben, indem sie Angst schüren und Hass verbreiten. Es gibt in diesem Land keine schützenswerte Kultur mehr, wenn diejenigen, die alles verloren haben und in ihrer Heimat um ihr blankes Leben fürchten müssen, diskriminiert, gehetzt und angegriffen werden.

Farin Urlaub sagt im Magazin Frizz!:

„Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben. Denn auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendetwas stolz sein. Also suchen sie sich jemanden aus, der anders ist als sie und halten sich für besser.” (1)

Diese typisch deutsche Mentalität wird von der Politik seit Jahren befeuert: Kürzungen im Bildungssystem, himmelschreiende soziale Ungerechtigkeiten, Konkurrenz- und Leistungsdenken schon in der Schule und erst recht in Unversität und Beruf greifen unmittelbar in das Leben junger Menschen ein und prägen sie nachhaltig. Die politischen Parteien, allen voran die SPD, müssen deshalb endlich aufwachen und ihre Allmachtsfantasien ablegen. Wir haben keine Chance mehr, zu diesen Leuten durchzudringen, weil wir keine klare Meinung vertreten und schlicht und ergreifend den Draht zu den Menschen verloren haben. Es ist absurd, dass Sigmar Gabriel als Vorsitzender einer linken Volkspartei mit den Hetzern von Pegida anbandelt und öffentlich auf das Recht besteht, deutschnational zu sein. Wer wundert sich denn noch ernsthaft, dass sich die Mitglieder im Moment in Scharen von der SPD abwenden? Alles, was engagierte Personen vor Ort in mühevoller und langwieriger Arbeit aufbauen, reißt die alte Tante SPD mit ihrer Politik wieder ein. Und das, was am Ende bei den Menschen hängen bleibt, ist nun mal nicht das gut funktionierende Integrationsprojekt des SPD-Ortsvereins, sondern das, was in der Bild Zeitung steht oder (im besten Fall) in der Tagesschau kommt.

Ich werde die Semesterferien dazu nutzen, mich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren und die Erfahrungen die ich dort abseits der Parteipolitik mache, mit Freunden, Familie und Bekannten teilen. Ich höre oft Sätze wie “Mein Kumpel war neulich in Gießen, und da hat er gesehen wie die Asylanten Sachen aus den Fenstern werfen”. Wenn wir uns auf diesem Niveau bewegen, helfen keine vernünftigen Argumente mehr. Positive Erfahrungen aus erster Hand müssen möglichst weit gestreut werden, um solche Behauptungen und Gerüchte à la “ich kannte mal einen, der einen kannte, der gesehen hat…” zu entkräften.

Nichtsdestotrotz greift der Artikel in der Huffington Post (2) meiner Meinung nach zu kurz. Es sind nicht nur die jungen Ungebildeten, die die Hetze gegen Flüchtlinge und Ausländer tragen. Es sind Menschen aller sozialen und ökonomischen Hintergründe, die sich in diesen Sumpf bewusst oder unbewusst hineinziehen lassen. Ja, wir müssen die Ängste der Menschen ernst nehmen, aber wir dürfen Ihnen nicht nachgeben.

“Diese Menschen sind blind für die Not anderer. Sie sehen nur sich selbst. Und die Probleme, die sie bekommen könnten, wenn eines Tages zu viele Zuwanderer in Deutschland leben. Sie verstehen nicht, was Menschlichkeit ist. Sie stehen mit dem Kopf zur Wand und sehen nur Tapete”. (ebd)

Jeder und jede Einzelne hat die Verantwortung, in seinem eigenen Umfeld nach Kräften dagegen zu halten. Es bringt nichts mehr, nur zu reden, jetzt ist Handeln gefragt. Deutschland, hör’ bitte auf, so ein Arschloch zu sein. Menschen, die über die halbe Welt vor Krieg, Terror und Hass geflohen sind, haben verdammt noch mal etwas Ruhe verdient.

Der Lynchmob ist krank vor Neid

Auf das 5-Sterne-Hotel im Asylantenheim

Der Lynchmob hat keinen Cent im Portemonnaie

Egal ob Merkel nun ein’ Minirock oder Kopftuch trägt […]

Denkt ihr die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen

Mit dem großen Traum im Park mit Drogen zu dealen?

Keine Nazis – ihr seid brave Deutsche

Die sich nicht infizieren lassen mit der Affenseuche

K.I.Z. Selbstmordattentäter

Ich sprenge eure Demo und es regnet Hackepeter! (3)

(1) Kein Autor angegeben (ohne Datum). Orgastisch ins dritte Jahrtausend – Interview mit Farin Urlaub, in: FRIZZ: Das Magazin für Halle. Abgerufen am 25.07.2015 unter: http://www.halle-frizz.de/halle/182636/81/81/121001/design1.html

(2) Hoffmann, Sabrina. Die neuen Asozialen: Eure Dummheit bringt Deutschland an den Abgrund. In: The Huffington Post, 24.07.2015. Abgerufen am 25.07.2015 unter: http://www.huffingtonpost.de/sabrina-hoffmann/dummheit-deutschland_b_7866694.html

(3) Boom Boom Boom. K.I.Z., Universal, 10.07.2015. Abgerufen am 25.07.2015 unter: https://www.youtube.com/watch?v=J_JqKXvenaE)

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Über den/die Autor*in

21, studiert Lehramt für Deutsch und Englisch in Gießen.



One Response to Die Welt zu Gast bei Feinden – Deutsche Willkommenskultur im Jahr 2015

  1. Elena says:

    Leider muss ich dir bzgl. der Lynchmobattitüde bei Facebook und Co. absolut recht geben – es wird nicht nur gegen die Flüchtlinge selbst gehetzt, sondern inzwischen eben auch schon gegen die, die sich engagieren. Und von denen gibt es ohnehin zu wenige! Keine Neuheit – Idioten gab es schon immer und wo Unsicherheit und Unwissen aufeinander treffen, gibt es eben auch Hass. Wichtiger ist aber jetzt umso mehr, dass wir uns dagegen stellen und präsent sind.. deshalb trifft der Artikel den Nagel auf den Kopf! 🙂

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