Gesellschaft

Veröffentlicht am Juni 26th, 2015 | von Clara Veit

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Es ist Fußball-WM? Ja, es ist Fußball-WM!

// Während 2014 jede Bar oder Kneipe Public-Viewings anbot, in den Medien alles rund um die Fußball-WM der Männer* berichtet wurde, im Supermarkt nichts mehr ohne Fußball-Edition zu bekommen war, ist es derzeit ziemlich still. Zu still. Woran das liegt? Es spielen eben „nur“ Frauen* auf dem Feld. //


Im Zuge der Fußball-WM der Männer schrieb ich bereits einen (nun überarbeiteten und hiermit veröffentlichten) Text, der sich mit „Frauen und Fußball“ befasst. Da derzeit die Fußball-WM der Frauen läuft, finde ich es einen guten Zeitpunkt diesen Text als Debattenbeitrag einzubringen. Doch auch heute stellt sich mir wieder die Frage: Womit soll ich anfangen? Mit der unterschiedlichen Aufmerksamkeit, die die Männer*-Fußball-WM im Gegensatz zu der der Frauen* erhält? Über den Unterschied der Männer*- und Frauen*-Bundesliga im Fußball? Über sexistische Kommentare von männlichen „Fußballprofis“? Über den Sexismus in Stadien? Über den versteckten Sexismus in den Medien, wenn’s um Fußball geht? Über sexistisches Verhalten bei Public-Viewings? Oder darüber, warum die Geschlechter von klein auf konstruiert und anerzogen werden und sich Frauen* doch für Fußball interessieren können?

Eins ist klar: Es gibt viele Baustellen was „Frauen* und Fußball“ betrifft. Erschreckend ist allerdings, dass diese Baustellen oft absichtlich ignoriert oder als selbstverständlich hingenommen werden. Bezeichnend dafür sind Fußball-Foren im Netz, auf die ich während meiner Recherche gestoßen bin. Wenn dort überhaupt mal eine Diskussion über Frauen*feindlichkeit im Fußball entsteht, wird diese meist nach ein paar ernst gemeinten Beiträgen, die verschiedene Situationen beleuchten und darauffolgenden Kommentaren die letztlich aussagen, Sexismus gehöre nun mal zum Fußball, beendet. Die Begründung der Admins lautet dann oft: In diesem Forum geht es um Fußball und nicht um Sexualität das ist privat und geht niemanden etwas an.

Erstens sollte Sexualität selbstverständlich Privatsache sein, doch sobald Menschen aufgrund dieser ausgeschlossen und diskriminiert werden, ist das ein Problem, gegen das in einer Gesellschaft, die vielfältige Lebensentwürfe zulassen möchte, vorgegangen werden muss. Zweitens geht es jedoch bei Sexismus nur bedingt um Sexualität. Vielmehr geht es um Gender und die Frage, wieso Frauen* gerade im Fußball so enorm Stereotypen und tradierten Geschlechtervorstellungen ausgesetzt sind. Das fängt früh an: Der Junge geht zum Fußballtraining, das Mädchen zum Ballett. Wenn es andersherum ist, ist der Junge ein „Mädchen“ und das Mädchen ein „Mannsweib“. Das ist stark herunter gebrochen, aber immer noch gesellschaftliche Realität.

Es zeigt sich, dass Sexismus durch und durch ignoriert und somit toleriert wird. Fangesänge wie z.B. „Von den blauen Bergen kommen wir, unsre Schwänze sind genauso lang wie wir. Und wir spritzen unsern Samen in den Unterleib der Damen…“ sind dabei keine Seltenheit. Bei solchen Gesängen werden sich die „Damen“ aber wahrscheinlich nicht sonderlich wohl im Stadion fühlen, genauso wenn sie nur als „Fotzen“ betitelt oder durch ihre „dicken Titten“ gekennzeichnet werden. Eine kritische Auseinandersetzung zu diesen Aussagen über Frauen* findet fast nicht statt, es gehöre schließlich zur “Fankultur” und habe Tradition. Damit ist aber klar: Stadien und Fankurven sind immer noch Räume längst obsoleter Männlichkeitsvorstellungen.

Wenn Frauen* sich dann dennoch für einen Stadionbesuch entscheiden und alleine unterwegs sind, bekommen sie sofort den Status einer allzeit bereiten Sexualpartnerin. Dabei sind Kommentare wie „Wo ist denn dein Freund?“ oder „Erklär‘ doch mal Abseits!“ an der Tagesordnung. Aber auch Rufe wie „Auszieh’n! Auszieh’n!“ bekommen nicht nur Zuschauerinnen* zu hören, sondern ebenso z.B. Cheerleaderinnen*.

Dem liegt unter anderem auch das sexistische Ressentiment zugrunde, Frauen* könnten ja ohnehin nicht Fußball spielen und infolgedessen natürlich auch keine qualifizierten Einschätzungen dazu abgeben. Sätze wie “Frauen gehörten eben in die Küche und nicht ins Stadion” bekommt man in diesem Zusammenhang ebenfalls oft zu hören. Obwohl Frauen* schon lange Fußball spielen und das deutsche Frauen*nationalteam sowohl auf europäischer, als auch internationaler Ebene schon viele Titel geholt hat, existiert dafür bisher kaum eine Öffentlichkeit, die mit dazu beitragen könnte, die Sexismen im Fußball zu überwinden.  Gerade jetzt zum Beispiel ist Fußball-WM. Während 2014 jede Bar oder Kneipe Public-Viewings anboten, in den Medien alles rund um die Fußball-WM der Männer* berichtet wurde, im Supermarkt nichts mehr ohne Fußball-Edition zu bekommen war, ist es derzeit ziemlich still. Zu still. Woran das liegt? Es spielen eben „nur“ Frauen* auf dem Feld.

Es gibt aber auch Ausnahmen in der Fußballlandschaft: Um ein Beispiel zu erwähnen, seien die Offenbacher Kickers genannt. Sie sind wahrscheinlich eher dafür bekannt, nicht unbedingt in der obersten Liga  zu spielen, oder dafür, dass Offenbach die Stadt ist, aus der der Rapper Haftbefehl kommt – allerdings lässt sich bei den Offenbacher Kickers etwas Besonderes beobachten: Unter den Fans – sei es im Fanclub oder im Stadion selbst – sind Frauen* aller Generationen anzutreffen. Zudem gibt es eine eigene Frauen*mannschaft, die sich aus den Fans herausgebildet hat. Es ist also möglich, auch ein breites weibliches Publikum anzusprechen – ohne in Klischees zu denken und auf rosa Fanartikel zurückzugreifen. Leider bleiben die Offenbacher Kickers aber eine der wenigen Ausnahmen.

Während der Fußball-WM der Männer 2014, zeigte sich durch Artikel über die „schönste Spielerfrau“ und darüber, welche Fußballkommentatorin sexier ist, wieder, dass die Medien die gängigen Sexismen noch reproduzieren.

Auch das „Dummchen“-Image werden Frauen* nicht los, wenn andere Frauen* ihr Leben als Spielerfrau niederschreiben, indem sie skizzieren, wie sie stundenlang nach einem Café gesucht haben, um dann zu merken, dass es nur ein paar Meter vom Anfangspunkt entfernt lag, anstatt sich ernsthaft mit der WM und den Themen um die WM herum auseinanderzusetzen. Sie tun damit weder sich selbst noch anderen Frauen einen Gefallen, da sie so hauptsächlich von den Medien systematisch in eine Ecke gedrängt werden. Um im Themengebiet “Fußball” als ernstzunehmendes Individuum zu gelten oder eben lediglich als Spielerfrau und nicht als „Dummchen“, müssen sich nicht nur Frauen* bewusster werden, sondern vielmehr muss ein Umdenken der Medienhäuser stattfinden, was ihr Agenda-Setting betrifft.

Und auch die Kanzlerin Angela Merkel – die sich selbst als “großer Fußballfan” bezeichnet – tut nichts, um den Sexismus innerhalb des Männer*fußballs anzusprechen oder zu kritisieren. Lieber stellte sie sich damals, mit einem Lächeln und roten Wangen in die Kabine zwischen die halbnackte DFB-Elf und wirkt eher wie ein schüchternes Schulmädchen. Dabei ist gerade sie als Kanzlerin in einer Position – nicht nur politisch sondern dadurch auch medial – um eine Vorbildfunktion einzunehmen, den Finger in die Wunde zu legen und damit öffentlich Kritik zu üben, um einen Wandel anzustoßen. Leider landeten nur das Bild aus der Kabine und ein Selfie in den sozialen Netzwerken. Von einem politischen Statement fehlt jede Spur. (Desweiteren ist es auch schwer verständlich, wieso Frau Merkel so enthusiastisch der männlichen* DFB-Elf zujubelt, sich aber nicht bei der Frauen*fußball-WM blicken lässt, obwohl die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen* deutlich erfolgreicher ist. Sie spricht lediglich nachträglich ihre Glückwünsche aus.)

Da frage ich mich, ob  Frau Merkel den Sexismus gekonnt ignoriert und wie oft ihr eigentlich schon die Frage nach der Abseitsregel gestellt wurde.

Durch die Häufigkeit der Frage bezüglich der Abseitsregel an Frauen, lernen manche diese einfach vorsichtshalber auswendig. Doch das löst nicht das Problem. Vielmehr brauchen wir weitere Akteur*innen innerhalb der Gesellschaft, die sich entschieden gegen den Sexismus im Fußball, aber auch darüber hinaus, aussprechen. Hierbei sind nicht nur „die Frauen*“ gefragt, sondern auch die Fußballmannschaften, die Manager*innen, Kommentator*innen, Politiker*innen, Fans und die gesamte Gesellschaft an sich. Es ist noch viel zu tun, packen wir es an.

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Über den/die Autor*in

ist 19 Jahre alt und studiert an der Justus-Liebig-Universität Politik- und Sozialwissenschaften. Seit Januar 2014 ist sie Teil des Sprecher*innen-Teams der Jusos Gießen. Zu ihren Themengebieten zählen hauptsächlich der Kampf gegen Überwachung, allgemein die Thematik der Netzpolitik, sowie das Einstehen für eine nachhaltige (Umwelt-)Politik.



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