Internationales

Veröffentlicht am Dezember 17th, 2017 | von Vivien Costanzo

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We are partners for peace

Im vergangenen Oktober besuchte eine Delegation der Jusos Hessen-Süd und Hessen-Nord Israel und Palästina. Das Willy Brandt Center gibt uns seit Jahren die Möglichkeit uns vor Ort zu informieren, uns mit unseren Partner*innen zu vernetzen und die gemachten Erfahrungen in unsere politische Arbeit einfließen zu lassen.

Hanna Reichhardt war zum ersten Mal Teil der Delegation und hat eine für sie maßgebliche und bewegende Situation beschrieben:

„You see, we are no Terrorists here, no Terrorists” wiederholte ein Mitarbeiter unseres Hostels mir gegenüber mehrmals, während ich verlegen und leicht überfordert durch alle Eindrücke das Tages an meiner Zigarette zog. Diese Zigarette war bei weitem nicht die einzige, die ich grübelnd und gleichzeitig ratlos, die Mauer anstarrend, rauchte.

Unser Hostel, in dem wir in Bethlehem unterkamen, war direkt an der israelischen Sperranlage gelegen. Bei jeder kleinen Pause vorm Eingang des Hostels hatte ich deshalb eine begrenzte, aber erschütternde und nachhaltig verwirrende Aussicht auf die acht Meter hohe Mauer, die mit politischen Graffitis übersäht war. Das neu gebaute Banksy Hotel ein paar Häuser die Straße runter rundete diese absurde Aussicht für mich als privilegierte Europäerin ab. Die alleinige Existenz dieser riesigen Mauer löste eine große emotionale Beklemmung in mir aus, die ich bis heute schwer in Worte fassen kann. Während wir in den drei Tagen, die wir in Bethlehem und in anderen Städten der Westbank verbrachten, tagsüber ein straffes Programm mit interessanten und inspirierenden Gesprächen und offiziellen Besuchen hatten, entschied ich mich an beiden Abenden dazu, etwas Ruhe im Hostel zu suchen, um meine Gedanken und Gefühle zu sortieren.

Ich verbrachte also zwei Abende auf der Treppe sitzend vor dem Haupteingang des Hostels, trank dabei ein, zwei Bier und versuchte zu begreifen. Ich wollte den Nahostkonflikt, in dessen Mitte ich mich befand, die Geschichten der Israelis und Palästinenser*innen, die ich bis dahin gehört hatte, verstehen, wollte den Kern erfassen, wollte diese Mauer verstehen. Ich versuchte das Erleben, das Konfrontiert sein mit dieser Mauer in einen für mich bekannten Kontext zu setzen. Nicht nur die Mauer, auch der Antisemitismus, der in vielen Graffitis auf der Sperranlage Ausdruck fand, erinnerten mich in dem Moment an die deutsche Geschichte. Durch meine Gedanken und in Gesprächen mit anderen aus unserer Gruppe wurde mir zum wiederholten Male in meinem Leben bewusst, wie privilegiert ich, als in Deutschland aufgewachsene, weiße junge Frau bin. Mein Pass erlaubt mir den Zutritt zu den meisten Ländern auf dieser Welt. In meinem Leben gibt es keine Mauern. Vor meiner Haustür herrscht kein seit Jahrzehnten andauernder Konflikt. Ich durfte eine der besten Schulbildungen, für die meine Eltern größtenteils nichts zahlen mussten, in einem der freisten und reichsten Ländern der Welt genießen. Und dafür habe ich nichts getan oder geschaffen. Ich hatte einfach Glück dort geboren zu sein und damit einen Status als Staatsbürgerin Deutschlands zu haben.

Diese Gedanken berührten mich sehr, befand ich mich doch in einer der größten und längsten Krisenherde unserer Welt. Es erinnerte mich daran, dass vieles ungerecht ist, dass einige Menschen mehr Glück, mehr Rechte, mehr Sicherheit, mehr Chancen haben als andere. „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“ Hat George Orwell schon lange vor mir gewusst. In Israel und in Palästina, auf beiden Seiten des Konflikts, traf ich auf ängstliche, verärgerte, unfreie, trauernde, aber auch glückliche, hoffnungsvolle und mich sehr inspirierende Menschen. Bis heute trage ich einige der gehörten Geschichten mit mir, und bin gerade jetzt, während des erneuten Aufflammens des Konfliktes in Jerusalem, gedanklich vor Ort.

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Ich habe keine Terroristen getroffen. Ich habe auf beiden Seiten des Konfliktes Menschen getroffen, die versuchen, das Beste aus ihren Umständen zu machen. Die, wie alle Menschen gleichermaßen in unserer Welt, glücklich, frei, zufrieden und sicher sein wollen und die versuchen für die Zukunft, für Jerusalem, Israel und Palästina, Frieden zu stiften.

 

Das Willy Brandt Center in Jerusalem ist ein einzigartiges Begegnungszentrum. Junge Menschen aus Israel, Palästina, Deutschland und der Welt haben hier einen Ort gefunden, um auf Augenhöhe miteinander ins Gespräch zu kommen und sich kennenzulernen. Das Center arbeitet im Sinne der doppelten Solidarität mit allen Beteiligten auf Augenhöhe zusammen. Die deutsch-israelisch-palästinensischen Jugendaustauschprogramme sind nur eine Säule dieses mehr als 20 Jahre alten Projektes.

Seit vielen Jahren schon arbeiten die Jusos Hessen-Süd mit dem Willy Brandt Center zusammen und veranstalten jährlich Austauschprogramme – in Israel und Palästina und im Wechsel in Deutschland. Ziel ist es junge engagierte Menschen zusammenzubringen, einen Schutzraum zu schaffen und gemeinsam Vorurteile abzubauen und in die Zukunft zu schauen. Die Programme in Israel und Palästina bieten uns Jusos die Möglichkeit den Konflikt und vor allem die Menschen, die in dieser Region leben, kennen zu lernen, zu verstehen, Kontakte zu verfestigen und unseren eigenen Horizont zu erweitern. Das Willy Brandt Center schafft es durch ausgewogene Programmpunkte und interessante Gesprächspartner*innen uns jedes Mal aufs Neue einen Blick in das Leben der Menschen auf allen Seiten zu ermöglichen. Es bietet uns die Chance über Jahre hinweg Kontakte zu knüpfen und diese zu leben. Die Eindrücke und Erfahrungen tragen wir in Form von Workshops und weiteren Veranstaltungen in unseren Verband. Darüberhinaus prägen sie unsere persönliche politische Arbeit. Die Projekte in Deutschland geben uns Jusos die Möglichkeit, junge Menschen aus Israel und Palästina weit weg vom Konflikt zusammenzubringen und damit einen Schutzraum für alle zu schaffen. Der Verein finanziert sich vornehmlich durch Fördergelder und Spenden. Das Willy Brandt Center freut sich immer über weitere unterstützende Mitglieder!

Du möchtest Mitglied im Willy Brandt Center werden? Hier findest du den Mitgliedsantrag zum Online-Ausfüllen: http://willybrandtcenter.org/spenden/

Nach dem Austausch gemeinsam mit den Jusos Hessen-Nord nach Israel und Palästina im Oktober diesen Jahres, freuen wir uns darauf im kommenden Jahr wieder eine Delegation unserer Partner*innen von Young Meretz, Shabibeh Fateh und Young Labour in Hessen begrüßen zu können. Das Programm gestalten wir gemeinsam mit den Teilnehmer*innen der vergangenen Projekte sowie Interessierten. Wer Interesse an einer Mitarbeit hat, kann sich gerne an Max Bieri, Nora Simon oder mich (vivien@jusos-hs.de) wenden.

 

– kommende Woche folgt ein weiterer persönlicher Bericht eines Delegationsteilnehmers über eine ihn prägende Situation während der Reise –

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Über den/die Autor*in

ist 27 Jahre alt und studiert Jura. Sie ist stellv. Vorsitzende im Juso-Bezirksvorstand und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Nahen Osten, Internationales und Europa.



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