Kapital & Arbeit

Veröffentlicht am Juni 24th, 2015 | von Jan Eric Filipczak

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Der Austritt aus der Währungsunion- eine Möglichkeit, den sozialen Verwerfungen zu entgehen?

Nach den bisherigen Erfahrungen im Umgang mit der ökonomisch-politischen Krise in Griechenland, die seit 2010 von der europäischen Öffentlichkeit wahrgenommen wird und auch im Jahr 2015 trotz massiver Strukturreformen[1] sowie einer unkonventionellen Geldpolitik im gemeinsamen Euroraum[2] noch nicht gelöst werden konnte, muss man sich die Frage stellen, ob ein (freiwilliger) Austritt bestimmter Mitgliedstaaten aus der gemeinsamen Europäischen Währungsunion dazu beitragen könnte, die ökonomischen Verwerfungen und Ungleichgewichte in der Eurozone zu lösen.

Von Seiten der Politik wird die gemeinsame Währungsunion als ein Projekt gesehen, dass die wirtschaftliche und die politische Integration in Europa weiter vorantreibt. In den Wirtschaftswissenschaften gibt es jedoch einen Streit darüber, ob eine gemeinsame Geldpolitik für die EU möglich sei und den ökonomischen Bedürfnissen aller Mitgliedstaaten Rechnung tragen könnte.

Analysiert man die aktuelle Situation im Euroraum kann man zu dem Schluss kommen, dass die aktuelle Geldpolitik für den gesamten Euroraum nicht optimal ist. So spricht der amtierende Vorsitzende der Bundesbank Jens Weidmann davon, dass die Geldpolitik für die Eurozone im Durchschnitt zwar richtig, aber für Deutschland zu expansiv sei, wodurch in dem Land die Inflationsgefahr steige.[3]

Eine gemeinsame Geldpolitik sowohl für diejenigen Euroländer, die sich aktuell in einer Krise befinden, als auch für diejenigen Euroländer, deren Fundamentaldaten sehr gut sind, scheint es nicht zu geben. So warnen einige Ökonomen aufgrund der aktuellen Niedrigzinspolitik und des sog. Quantitative Easing durch die EZB vor inflationären Risiken und Fehlallokationen auf den Anlagemärkten

Insgesamt sind Zweifel angebracht, ob die expansive Geldpolitik alleine überhaupt in der Lage ist, die wirtschaftliche Krise in der Eurozone zu lösen. So warnen einige Ökonomen aufgrund der aktuellen Niedrigzinspolitik und des sog. Quantitative Easing durch die EZB vor inflationären Risiken und Fehlallokationen auf den Anlagemärkten. Beispielsweise schreibt Stefan Kooth, Leiter des Prognosezentrums des Instituts für Weltwirtschaft, dass “…das mit einem Boom einhergehende Risiko für Deutschland (…) derzeit besonders ausgeprägt (sei), da das anhaltende Niedrigzinsumfeld die Fehlverwendung von Kapital zunehmend wahrscheinlich mach(e)“.

Eine ganz andere Position wird hingegen von dem amerikanischen Ökonomen Paul Krugman vertreten. Dieser fordert eine Ausweitung des Quantitative Easing mit dem Ziel die Inflationsrate zu erhöhen, da „es zunehmend Indizien dafür (gebe), dass Volkswirtschaften, die in einen starken Abschwung mit niedriger Inflation geraten, allzu leicht in eine ökonomische und politische Falle geraten“

Eine expansive Geldpolitik mag sich in Staaten, die in einer wirtschaftlichen Rezession stecken, positiv auf die Konjunktur auswirken und für ein besseres Investitionsklima sorgen. Jedoch bietet eine sehr expansive Geldpolitik den Krisen-Staaten keinen Anreizen, ihre Haushaltsdefizite abzubauen und Strukturreformen einzuleiten. Eine gemeinsame Währungsunion nimmt zudem den einzelnen Ländern die Möglichkeit, Preisanpassungen über den Wechselkursmechanismus vorzunehmen. Demzufolge sind Staaten dazu gezwungen, ihre ökonomische Wettbewerbsfähigkeit über eine sog. interne Abwertung (Devaluation) wiederzuerlangen, da eine externe Abwertung durch eine Abwertung der eigenen Währung nicht mehr möglich ist. Dieser Ansatz wird seit einigen Jahren durch die sog. Austeritätspolitik in den Krisenstaaten der EWU[4] praktiziert, auch mit dem Ziel die Staaten in der Eurozone zu halten. Durch Strukturreformen und Preisanpassungen soll die Wettbewerbsfähigkeit der Staaten verbessert werden, damit die Länder interessant für Investoren werden, ein positives Wirtschaftswachstum erzielen und nicht gezwungen sind, aus der Eurozone auszuscheiden.

Einige Ökonomen sind jedoch skeptisch, ob in den fünf Krisenstaaten der Währungsunion, den sog. GIIPS-Staaten, die Wiedererlangung der Wettbewerbsfähigkeit allein über Reformen auf dem Arbeitsmarkt und in der Fiskalpolitik möglich ist. Vielmehr bedürfe es einer Beschleunigung der realen Abwertung über den Wechselkursmechanismus, was jedoch einen Austritt aus der EWU voraussetzt.

Es wird behauptet, dass bei einem Austritt die ökonomischen Kosten geringer seien, als bei einem Festhalten an der gegenwärtigen Zusammensetzung der Eurozone. Zwar ist der Austritt einzelner Länder aus der gemeinsamen Währungsunion politisch nicht gewollt, doch zumindest für den Fall Griechenland scheinen sich sowohl die Euro-Finanzminister als auch der IWF auf einen Austritt aus der Währungsunion einzustellen. Der IWF geht davon aus, dass sich ein Austritt auf die restlichen Euroländer kaum negativ auswirken würde, auch wenn die ökonomischen Folgen für Griechenland als extrem eingeschätzt werden.[5]

Mark Weisbrot, Co-Director des CEPR, weist zudem darauf hin, dass die bisherige Strategie der internen Abwertung zumindest in Griechenland gescheitert ist, da diese zu sozialen Verwerfungen geführt hat und nicht in der Lage war, die Wirtschaft in Griechenland wieder anzukurbeln.[6]

Der griechische Ökonom Lapavitsas, sieht in dem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion die einzige Chance, das Land wieder auf einen Wachstumskurs zu bringen. Der Ausritt ist seiner Meinung nach die Basis für eine neue Industriepolitik, ein Wiederaufbau der Produktion, eine Rückkehr auf die internationalen Märkte und eine Stärkung der inländischen Nachfrage.[7]

Ein Austritt aus der EWU hat bisher noch nicht stattgefunden und unter Juristen wird derzeit zudem diskutiert, ob ein Austritt aus der EWU bei einem weiteren Verbleib in der Europäischen Union rechtlich überhaupt möglich ist.[8]

Im Folgenden wird die rechtliche Diskussion ignoriert und vereinfachend angenommen, dass ein Austritt aus der Europäischen Währungsunion bei einem zeitgleichen Verbleib in der Europäischen Union möglich ist. Zudem wird angenommen, dass das austretende Land weiterhin an bestimmten Konvergenzkriterien der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion festhält. Demnach ist unter dem Austritt aus der EWU im Kern die Rückkehr zu einer eigenen Währung zu verstehen, die am internationalen Devisenmarkt frei gehandelt wird. Durch ein Festhalten an bestimmen Konvergenzkriterien bleibt ein Wiedereintritt in den gemeinsamen Währungsraum zudem möglich.

Im Folgenden werden drei Argumentationsstränge dargelegt, warum ein Austritt aus der gemeinsamen Währungsunion sowohl für das austretende Land als auch die verbleibenden Länder einen wirtschaftlichen Vorteil bringen kann.

i) Zunächst dient ein Austritt eines bestimmten Landes der Bewältigung des Problems eines nicht-optimalen Währungsraumes. Dieser zeichnet sich laut Grauwe und Mongelli (2005) ökonomisch dadurch aus, dass keine Symmetrie der Konjunkturschwankungen, keine hinreichende Flexibilität der einzelnen Arbeitsmärkte, eine geringe Marktintegration, insbesondere auf den Finanzmärkten und keine harmonisierte Fiskalpolitik vorherrschen.[9]

Trotz der Fortschritte bei der Integration der Arbeitsmärkte und dem Aufbau eines einheitlichen europäischen Bankenaufsichts-mechanismus als zentrales Element einer europäischen Bankenunion, kommen Blankart und Bretschneider (2012) zu dem Schluss, dass die Europäische Währungs-union momentan einen solchen nicht-optimalen Währungsraum darstellt. Demnach sind die Kosten der gemeinsamen Währung höher als deren Nutzen. Folgerichtig ist ein Austritt des „Kostentreibers“ ökonomisch sinnvoll und würde alle Staaten der Währungsunion besserstellen.[10]

Görgens et al. (2004) gingen schon zu Beginn der 2000er Jahre davon aus, dass aufgrund gleichbleibender bzw. sich sehr langsam ändernder Verhaltensweisen der Marktakteure in den einzelnen Volkswirtschaften ein für alle Länder gleicher Geldmarktsatz und der einheitliche Wechselkurs zu unterschiedlichen Inflationsraten und einer Divergenz in der Produktions- und Beschäftigungsentwicklung führen würde, falls die einzelnen Länder nicht durch ihre Fiskalpolitik und Lohnpolitik dieser Entwicklung entgegenwirkten.[11]

Die Argumentation von Blankart und Bretschneider widerspricht im Übrigen der optimistischen Annahme von Frankel und Rose (1997), dass Länder, die sich zu einer Währungsunion zusammenschließen, aufgrund von endogenen Effekten (positive Effekte, die aufgrund des Zusammenschlusses zu einer Währungsunion entstehen), ex post die Eigenschaften einer optimalen Währungsunion erfüllen.[12]

ii) Bestärkt wird das Argument, die EWU sei ein nicht-optimaler Währungsraum, wenn man die einzelnen Leistungsbilanzsalden in der Eurozone betrachtet. Hier herrschen derzeit erhebliche Ungleichgewichte. So haben die aktuellen Krisenstaaten neben hohen Haushaltsdefiziten über Jahre hinweg Leistungsbilanzdefizite erwirtschaftet, wohingegen bspw. Deutschland seit einigen Jahren nicht nur sein Haushaltsdefizit abgebaut hat, sondern auch große Leistungsbilanzüberschüsse eingefahren hat (siehe Abbildung 1). Dementsprechend sind die Krisenstaaten in der EU, die unter einem strukturellen Leistungsbilanzdefizit leiden und sich zur Zeit auf keinem nachhaltigen Wachstumspfad befinden, gezwungen ihre Exporte zu erhöhen bzw. ihre Importe zu reduzieren und die angehäuften Verbindlichkeiten gegenüber dem restlichen Währungsraum zurückführen.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist es insgesamt notwendig, die realen Lohnstückkosten zu reduzieren und das reale Preisniveau nach unten anzupassen, damit die Unternehmen wieder international wettbewerbsfähig werden. Jedoch zeigt sich, dass seit Beginn der Eurokrise dieses in den Krisenstaaten durch den Versuch einer internen Abwertung kaum funktioniert hat.

Betrachtet man den Fall Griechenlands etwas genauer, wird deutlich, dass es dem Land nicht gelungen ist, den sog. realen effektiven Wechselkurs, der als Indikator für Wettbewerbsfähigkeit eines Landes verwendet wird, zu verbessern.[13] Auch der harmonisierte Wettbewerbsindikator der EZB weist trotz Strukturreformen eine negative Entwicklung für Griechenland auf (siehe Abbildung 2). Einzig die Lohnstückkosten sind in Griechenland leicht zurückgegangen (siehe Abbildung 3)

Diese Zahlen deuten alle darauf hin, dass trotz erheblicher Reformbemühungen und Einschnitte in den Sozialstaat die griechische Wettbewerbsfähigkeit eher ab- als zugenommen hat. Daher wird unter Ökonomen insbesondere die Forderung nach einem Austritt Griechenlands aus dem Euro, den sog. Grexit, immer lauter, damit die wirtschaftlichen Anpassungen nicht alleine über eine Deflationierung der internen Preise erfolgen muss.[14]

iii) Zudem erscheint ein Austritt aus der EWU notwendig zur erfolgreichen Bekämpfung eines vorherrschenden doppelten Ungleichgewichts. Die Krisenstaaten wie Griechenland müssen gegenwärtig sowohl ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern, als auch den Abbau der hohen Staatsverschuldung bewältigen, um wirtschaftliches Wachstums wieder herzustellen.

Ohne einen Austritt aus der Währungsunion besteht hierbei jedoch ein Zielkonflikt (im englischen auch Catch-22 genannt): eine Anpassung des realen Wechselkurses ist nur über einen Preisrückgang (Deflation) in einem großen Teil des Wirtschaftssystems möglich. Der Preisrückgang ist jedoch nur durch sinkende Löhne und Staatsausgaben möglich, wodurch ein Rückgang des Bruttoinlandproduktes sehr wahrscheinlich wird. Dadurch erhöht sich die Staatsschuldenquote selbst bei einem Primärüberschusses.

Aber durch ein Verlassen der Eurozone könnte das austretende Land selbst notwendige Preisanpassungen über den Wechselkurs-mechanismus vornehmen, um schneller auf einen balancierten Wachstumspfad zurückzukehren und dadurch letztendlich auch die vorhandenen Leistungsbilanzdefizite abzubauen. Diese reale Abwertung kann daher auch dazu beitragen, dass die Leistungsbilanzungleichgewichte in der Eurozone insgesamt reduziert werden.

Hier ist anzumerken, dass ein Austritt aus der EWU das Problem der staatlichen Überschuldung nicht löst, sondern tendenziell sogar verschärft. Demnach muss die Wiedereinführung der nationalen Währung mit einer zeitgleichen Umschuldung erfolgen. Daher werden on der Währungsumstellung zunächst das Finanzsystem und die heimischen Banken unmittelbar betroffen sein, die dadurch vor erhebliche Herausforderungen gestellt werden. Problemlos würde die Umstellung der inländischen Forderungen und Verbindlichkeiten verlaufen, so lange kein Bank-run stattfindet. Es käme technisch gesprochen zu einer symmetrischen Bilanzverkürzung, sodass der neue Wert der Aktiva gleich dem neuen Wert der Passiva entsprechen würde. Größere Probleme würden allerding die Forderungen ggü. Vertragsparteien aus den restlichen Euroländern darstellen, da diese bei einer inländischen Währungsumstellung ggf. weiter in Euro bedient werden müssten, was bei einer zu erwartenden Abwertung der neuen Währung zu starken Asymmetrien in den Bankbilanzen führen könnte. Abschreibungen und Wertberichtigungen in den Bilanzen wären hierbei eine unweigerliche Folge.[15]

Ein Schuldenschnitt ist notwendig.

Nimmt man zudem noch an, dass ein Austritt aus dem Euro mit einem Schuldenschnitt in Höhe von 50% erfolgt, wird ein Zusammenbruch zumindest des heimischen Banksystems realistisch, da insbesondere durch einen Schuldenschnitt das harte Kernkapital der Banken zusammenschrumpfen und eine Refinanzierung über den Interbanken-markt erschwert wird.

Die Währungsumstellung wird erwartungsgemäß die Wahrscheinlichkeit eines Schuldenschnitts erhöhen. Dadurch würden die in Euro denominierten Schulden bei einer 50%igen Abwertung im Falle von Griechenland wohl auf mehr als 300% des nationalen BIPs ansteigen. Folgerichtig müssen bei den Kosten der Währungsumstellung daher auch die Auswirkungen eines Schuldenschnitts mit einbezogen werden. Falls die Umschuldung über einen impliziten Schuldenschnitt erfolgt, müssen zudem die Kosten der Inflationierung mit eingepreist werden.

Der austretende Staat muss jedoch damit rechnen, dass als Konsequenz eine zukünftige Refinanzierung auf dem internationalen Kapitalmarkt kaum noch möglich ist, da durch einen Schuldenschnitt jegliches Vertrauen in die Rückzahlungsfähigkeiten auf absehbare Zeit gestört ist. Der Staat ist somit darauf angewiesen ausreichend eigene Einnahmen zur Deckung seiner Ausgaben zu erwirtschaften.

Auswirkungen der Abwertung auf die Güterpreise

Der ökonomische Erfolg eines Austritts aus der Währungsunion wird allerdings größtenteils davon abhängen, ob das Land die Vorteile einer eigenen Währung nutzen kann, um insgesamt wieder international wettbewerbsfähig zu werden. Durch die Währungsumstellung werden alle inländischen Preise in die neue Landeswährung redenominiert. Im Falle Griechenlands würde somit eine reale Abwertung stattfinden. Daraus ergeben sich jedoch einige Folgen, die Chancen aber auch Risiken mit sich bringen.

Durch eine Abwertung der Währung steigen zunächst einmal die Importpreise, woraus sich die Gefahr einer importierten Inflation ergibt. Ob insgesamt das Preisniveau für die Waren des täglichen Verbrauchs steigt, hängt auch davon ab, wie sich die relativen Preise insgesamt ändern. Auch wenn der IWF in einer Studie vor einer Hyperinflation warnt, sollte Griechenland aus der EWU ausscheiden, sind die Gesamteffekte nur schwer abzuschätzen.[16] Insbesondere können die Umverteilungseffekte durch die Änderung der relativen Preis es ante nur schwer antizipiert werden.

Fest steht jedoch, dass sich die Währungsumstellung unterschiedlich auf die handelbaren und nicht-handelbaren Güter und deren Produktion auswirken wird. Durch eine Erhöhung der realen Preise bestimmter Importgüter nimmt deren Nachfrage ab. Die Konsumenten werden diese Güter teilweise durch nicht-handelbare Güter, deren Produktion im Inland stattfindet, substituieren. Dadurch könnte die heimische Wirtschaft gestärkt werden.

Das Beispiel der Staatsschuldenkrise in Argentinien

Diese Entwicklung konnte bspw. nach der Erklärung der Zahlungsunfähigkeit von Argentinien Ende 2001 beobachtet werden. Ende der 1990er Jahre steckte Argentinien in einer der schwersten Rezessionen des 20. Jahrhunderts. Die nationale Währung war an den Dollar gekoppelt, das Land musste sich über Notkredite des IWFs refinanzieren und zur Überwindung der Krise wurden Strukturreformen vorangetrieben. Doch erst als das Land die Zahlungsunfähigkeit erklärte und den an den Dollar fixierten Wechselkurs aufgab, konnte es wieder auf einen gesunden Wachstumspfad zurückkehren. Argentinien wies erstmals seit langer Zeit wieder ein Leistungsbilanzüberschuss auf (siehe Abbildung 4). Die Wirtschaftsleistung wuchs laut Frenkel und Rapetti (2011) innerhalb von 6 Jahren um 63% und die inländische Nachfrage zwischen 2002 und 2004 jährlich um 9,6%. Die Inländische Nachfrage ist somit immerhin für 69% des BIP-Wachstums Argentiniens in der Phase nach der Umschuldung verantwortlich.[17]

Kann die Exportwirtschaft profitieren?

Auch für die Exportwirtschaft des austretenden Landes bietet die Einführung einer eigenen Währung erhebliche Chancen. Durch die externe Abwertung ist es den exportierenden Unternehmen möglich, ihre Produkte auf den Auslandsmärkten günstiger anzubieten, wodurch ihnen ceteri paribus ein Wettbewerbsvorteil entsteht. Die Exportelastizität der Volkswirtschaft definiert hierbei den Erfolg einer Abwertung, da nur im Fall einer hohen Elastizität die Nachfrage nach den Exportgütern zunimmt und dadurch gesamtwirtschaftlich positive Effekte entstehen. Allerdings muss bei dieser Kalkulation auch berücksichtig werden, dass aus dem Ausland importierte Vorprodukte teurer werden. Daher ist der wirtschaftliche Vorteil bei einer Abwertung umso größer, je höher die Wertschöpfung der exportierenden Unternehmen ist.

Eine Branche, die von einer Abwertung besonders profitieren würde ist in Griechenland, aber auch in Portugal oder Spanien die Tourismus-Industrie, da hier ein Großteil der Wertschöpfung im Inland stattfindet, die Abnehmer aber größtenteils aus dem Ausland kommen. In Griechenland trägt der Tourismus darüber hinaus ca. 6,5 % direkt zum jährlichen BIP bei und zählt zu den wichtigsten Branchen des Landes.

Der interne Abwertungsdruck nimmt ab.

Die externe Abwertung führt zudem dazu, dass der interne Abwertungsdruck abnimmt und den deflationären Tendenzen aufgrund bestimmter Strukturreformen entgegengewirkt wird. Die Wettbewerbs-fähigkeit kann zum Teil über den Wechselkursmechanismus wiederhergestellt werden und muss nicht allein durch eine interne Abwertung (z.B. Lohnkürzungen und Rückgang der Produktionspreise) erfolgen. So behauptet der Chef des ifo-Instituts Hans Werner Sinn, dass für Griechenland ein Reallohnrückgang von 33% nötig sei, damit Griechenland wirtschaftlich wieder auf die Beine komme.[18]

Goldman Sachs hat in einer Studie ausgerechnet, dass eine reale Abwertung von 35% in Portugal, ca. 30% in Griechenland und immerhin noch 20% in Spanien nötig sei, damit die Länder wieder eine ausgeglichene Leistungsbilanz erreichen. In dem von Goldman Sachs vorgelegten Szenario wird im Übrigen auch dargelegt, dass in Deutschland eine realen Aufwertung in Höhe von ca. 25% notwendig sei, um die Leistungsbilanzungleichgewichte abzubauen[19].

Mittelfristig trägt die Abwertung der neuen Währung dazu bei, dass die Preise der handelbaren Güter zurückgehen und die Produkte wieder international Wettbewerbsfähig werden. Langfristig sollten sich die Preise schließlich nach Jevon’s Gesetz (im englischen „law of one price“)[20] aufgrund des Wettbewerbs international angleichen.

Betrachtet man die Produktivitätsfortschritte in Europa in den vergangenen Jahren, wird deutlich, dass diese sich nicht systematisch zwischen den Krisenstaaten und bspw. Deutschland unterscheiden. Allerdings ist eine Spreizung bei dem Lohnwachstum und den Lohnstückkosten zu erkennen. Dieses deutet darauf hin, dass die Krisenstaaten „über ihren Verhältnissen gelebt haben“. Ökonomisch gesprochen sind die nominalen Löhne im Verhältnis zum Produktivitätswachstum zu stark gestiegen. Dementsprechend bedarf es vor allem einer Anpassung der nominalen Größen (Löhne und Preise), da eine Erhöhung der realen Größen (Produktivität) schwer zu erreichen ist, lange dauert und hohe Anfangsinvestitionen benötigt.[21]

Das Problem der langen Frist

Auf lange Sicht ersetzt die externe Abwertung jedoch nicht die Notwendigkeit, Produktivitätsfortschritte zu erzielen. Folgt man der neoklassischen Wachstumstheorie kann ökonomische Entwicklung langfristig[22] nur durch technologischen Fortschritt erreicht werden. Nominale Anpassungen sind demnach nur in der kurzen Frist wachstumsfördernd, um sog. Preisrigiditäten zu überwinden.

Deutlich wird dieses auch, wenn man bedenkt, dass sich bei einer externen Abwertung (so auch bei einer Abwertung des Wechselkurses in der Folge eines Austritts aus der Währungsunion), die Terms of Trade der Volkswirtschaft verschlechtern. Die Terms of Trade sind hierbei definiert als die Verhältniszahl des Exportgüterpreisniveaus und des Importgüterpreisniveaus. Eine Verschlechterung der Terms of Trade bedeutet jedoch, dass sich ein Land im Austausch für seine produzierten Güter auf den Auslandsmärkten weniger Güter kaufen kann. Allerdings gilt auch hier, dass die schlechteren Terms of Trade reale und keine nominalen Ursachen haben. Die Abwertung der Währung ist schließlich eine Folge der fehlenden ökonomischen Leistungsfähigkeit und sorgt lediglich für eine notwendige Preisanpassung.

Langfristig sollten sich die Terms of Trade verbessern, da durch eine bessere Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen -ausgelöst sowohl durch eine Abwertung der neuen Währung als auch durch bestimmte Strukturreformen- die Nachfrage nach deren Produkte wieder ansteigt und somit über diesen Wirkungsmechanismus die gesamte Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft verbessert wird.

Die Nachteile

Der Austritt aus der EWU bringt jedoch nicht nur ökonomische Vorteile. Ganz eindeutig besteht die Gefahr, dass bei einer Rückkehr zur eigenen Währung Staaten einen Anreiz erhalten, sich mithilfe von Wechselkurs-manipulationen bzw. unnötigen kompetitiven Abwertungen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen (sog. Beggar-thy-neighbor-Politik). Hierdurch würde langfristig der gemeinsame Markt in Europa zerstört und es könnten aufgrund von Protektionismus neue Ungleichgewichte entstehen.

Zusätzlich besteht bei einer Abwertung das Risiko des sog. Overhootings. Durch eine zu starke Abwertung, fällt der Preis der Exporte unter den eigentlichen realen Wert und die Terms of Trade verschlechtern sich ungewollt dramatisch. Dadurch wird eine galoppierende Inflation, ausgelöst durch die stark gestiegenen Importpreise, sehr wahrscheinlich und das reale Haushalseinkommen der Bevölkerung geht zurück. Anders ausgedrückt nimmt mit jeder weiteren Abwertung der marginale Nutzen einer zusätzlichen Abwertung stark ab, sodass ab einem bestimmten Niveau die Kosten einer weiteren Abwertung den zusätzlichen Nutzen übersteigen.[23]

Einige Experten argumentieren, dass bei einem Verbleib eines Krisenstaates in der EWU eine Umschuldung nicht so drastisch wäre wie im Falle eines Austritts, da es keine plötzliche externe Abwertung gäbe. Allerdings sorgen in diesem Fall die Deflationierung der Preise und die Tatsache, dass der Nominalzins nur schwer unter null sinken kann (zero lower bound) zusammen dafür, dass der Realzins positiv bleibt, wodurch es zu einer Umverteilung von Schuldnern zu Gläubigern kommt. Dadurch, dass die marginale Konsumneigung der Gläubiger niedriger ist, als die der Schuldner, würde die Nachfrage in der Volkswirtschaf zusätzlich geschwächt.[24] Demnach würde ein Verbleib in der Währungsunion die Gläubiger schonen und negative Verteilungseffekte nach sich ziehen.

Fazit

Wenn man die Ausführungen zusammenfasst und ein Fazit zieht, wird klar, dass ein Austritt aus der Währungsunion für die GIIPS-Staaten auf lange Sicht ökonomische Vorteile bringt. Dabei ist nicht zu unterschätzen, welche positiven Wirkungen eine eigenständige Geldpolitik auf die eigene Volkswirtschaft mit sich bringt. Insbesondere die Möglichkeit, die Währung gegenüber der restlichen Eurozone abwerten zu können, erleichtert es dem austretenden Land, seine Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen ohne den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft zu gefährden. Ein Austritt eines Krisenstaates kann daher auch dazu führen, dass die Europäische Union sich leichter zu einer optimalen Währungsunion entwickelt und für die verbleibenden Mitgliedstaaten Wohlfahrtsgewinne bringt.

Allerdings birgt der Austritt -insbesondere von Griechenland- für die restliche Eurozone erhebliche Risiken. Die finanzielle Belastung durch eine Umschuldung und ein zu erwartender Zusammenbruch des griechischen Bankensystems können eine Kettenreaktion auslösen. So könnte das gesamte europäische Finanzsystem erschüttert werden. Die Schuldenquoten der restlichen Mitgliedstaaten der EU würden durch den Bail-Out der Banken wieder deutlich ansteigen und somit letztendlich auch die politische Integration der Europäischen Union insgesamt gefährden.

Sollte dieses worst-case Szenario eintreten, hätte Europa erhebliche Wohlstandseinbußen zu verzeichnen. Ob dieses Szenario jedoch wahrscheinlich wäre, kann von niemandem mit Sicherheit vorhergesagt werden. Zur Zeit scheinen jedoch die politischen Entscheidungsträger eher zu der Meinung tendieren, dass ein Ausscheiden Griechenlands weniger schwere Konsequenzen nach sich ziehen würde und insgesamt wohl auch ökonomisch verkraftbar wäre.

 

Abbildung 1[25]

Leistungsbilanzsalden.

 

Abbildung 2[26]

Harmonisierter Wettbewerbsindikator

Abbildung 3[27]

Lohnstückkosten

 

 

Abbildung 4

Leistungsbilanzsaldo Argentinien

 [1] Dullien 2014

[2] Fratzscher et al. 2014, S.2

[3] Neidhard 2014

[4] Portugal und Spanien.

[5] Reiermann 2015

[6] Weisbrot 2011

[7] Simantke und Leontopoulos 2015

[8] Athanassiou 2012, S.4

[9] Grauwe und Mongelli 2005, S.8

[10] Blankart und Bretschneider 2012, S.16

[11] Görgens et al. 2004, S.343

[12] Frankel und Rose 1997, S.3

[13] Weisbort und Montecino 2012, S.9

[14] Bystron 2015

[15] Lapavitsas 2012

[16] Reiermann 2015

[17] Frenkel und Rapetti 2007, S.12

[18] Jost 2015

[19] Nielsen 2012 S.2

[20] Jevon’s Gesetz besagt, dass in der langen Frist sich alle Preise aufgrund des Wettbewerbs international angleichen. Demnach kann es nicht zu Arbitrage auf dem Internationalen Gütermarkt kommen. Kurzfristig verhindern jedoch Preisrigiditäten und Zölle das angleichen der Preise auf den verschiedenen Märkten

[21] Bottle 2012, S.14

[22] Im sog. Solow-Modell, dem Standardmodell der neoklassishen Wachstumstheorie, spricht man hierbei vom sog. Steady state. In diesem Zustand ist die Sparrate einer Volkswirtschaft (s) gleich der Abschreibung des Kapitalstocks (δ ) und der Rate des exogenen Bevölkerungswachstums (n): s*f(k)=(δ+n)*k.

[23], S.162

[24] Bottle 2012, S.13

[25] EZB, 2015

[26] EZB, 2015

[27] EZB, 2015


Über den/die Autor*in

Liebe Leute, ich bin 24 Jahre alt, komme aus Dreieich im Kreis Offenbach und bin seit 4 Jahren im Vorstand der Jusos Hessen-Süd, aktuell als Kassierer. Ich studiere an der Goethe Universität in Frankfurt den Masterstudiengang International Economics and Economic Policy und setze mich auch politisch mit wirtschaftlichen sowie europäischen bzw. internationalen Fragestellungen auseinander.



One Response to Der Austritt aus der Währungsunion- eine Möglichkeit, den sozialen Verwerfungen zu entgehen?

  1. hekauf says:

    Nachfolgender Leserbrief von mir ist vor 4 Jahren im Juni 2011 in der Pforzheimer Zeitung veröffentlicht worden. Der ist noch so aktuell wie damals:

    Am Schluss sind wir dran.

    Ein Ballon platzt immer zuerst an der schwächsten Stelle. Andere Staaten werden folgen. Am Schluss dann bei uns. Unser ganzes Wachstums- und Verschuldungssystem lässt sich keine 50 Jahre mehr hochrechnen. Da müssen dann aber andere ausbaden. Das ganze Eurosystem ist eine gewaltige Fehlkonstruktion. Es wird immer nur davon gesprochen dass wir profitieren.
    In Deutschland gibt es einen Länderfinanzausgleich. Ohne den wären einige Bundesländer ebenfalls pleite. Ohne ein solches System kann die EU nicht überleben. Dass die Südländer ihre Importe nicht mit Oliven, Bananen und Rosinen bezahlen können, hätte man wissen müssen. Gelernt hat man nichts. Es wurde und werden noch andere Länder in die EU aufgenommen – weil wir ja davon profitieren. Die betteln gerade darum, aufgenommen zu werden. Sie glauben damit, von unserem materiellen Wohlstand etwas abzubekommen. Kurzfristig verdienen nur wir. Danach müssen auch die ihr Tafelsilber verscherbeln.
    Dass dies keine Lösung ist, hat sich auch bei uns gezeigt. Bei uns ist auch alles verkauft worden, um Haushaltslöcher zu stopfen und Schuldenprobleme zu lösen. Die Probleme sind danach nicht kleiner sondern immer größer geworden

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