Soziales

Veröffentlicht am August 14th, 2014 | von Marco

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Wer links sein will, darf das Leid von nichtmenschlichen Tieren nicht ignorieren

Es gibt viele Ansichten darüber, was es heute eigentlich heißt, „links zu sein“. Ich möchte mich dieser Frage hier etwas grundsätzlicher nähern und darlegen, weshalb Linke das Thema Tierrechte erst nehmen sollten.[1]

Fangen wir vielleicht ganz vorne an. Etwas abstrakt gesprochen verbindet Linke wohl ein kritischer Blick auf die Welt, in welchem unwürdige Lebensbedingungen, Gewalt, Ausbeutung und Diskriminierung als Zustände angesehen werden, die soweit wie möglich beendet und verhindert werden sollten. Im Gegenzug gilt es vielmehr, für eine Gemeinschaft einzutreten, in der keine*r leiden muss und allen ein erfülltes Leben ermöglicht wird – zumindest soweit dies möglich ist und andere dabei nicht ungerechtfertigt übergegangen werden.

Zur Veranschaulichung kann ganz klassisch bereits die Arbeiterbewegung angeführt werden, welche sich gegen Ausbeutung und unwürdige Lebensbedingungen gewehrt und für eine egalitäre und solidarischere Welt gekämpft hat. Im Laufe der Zeit sind zudem weitere Gesellschaftsgruppen immer lauter geworden, die sich seitdem gegen Ungleichheit und Herabwürdigung einsetzen und für ihre Anerkennung als gleichwertige Gesellschaftsmitglieder streiten. Zu denken ist hierbei – um nur einige zu nennen – an all jene, die wegen ihrer ökonomischen Situation, ihres Geschlechts, ihres Aussehens, ihrer Herkunft und/oder ihrer Sexualität Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt erfahren. Linken muss es selbstverständlich scheinen, sich seit jeher auch für die Forderungen dieser Gruppen einzusetzen und die zugrundeliegenden Macht- und Herrschaftsmechanismen zu kritisieren, die dabei eine Rolle spielen. Denn wie gesagt, der moralische Kompass von Linken macht es unmöglich, wegzusehen, wenn Menschen aufgrund gesellschaftlicher Umstände benachteiligt werden und ein erfülltes Leben versagt bleibt.

Was genau hat dies nun mit Tieren – oder besser: nichtmenschlichen Tieren[2] – zu tun? Eines vorweg: Es wäre zu simpel, ja gar problematisch, den Kampf für Tierrechte einfach in die historischen und aktuellen Kämpfe jener Gruppen einzureihen, die gerade angesprochen wurden. Eine solche Argumentation würde der Komplexität der einzelnen Auseinandersetzungen schlicht nicht gerecht und liefe daher Gefahr, diese zu relativieren.

Allerdings scheint doch ein fundamentaler moralischer Anknüpfungspunkt zu bestehen, den Linke nicht übersehen dürfen: Nichtmenschliche Tiere werden in unserer Gesellschaft weitgehend als bloße Objekte betrachtet, ihnen wird tagtäglich massiv Leid zugefügt und ihre Interessen zählen so gut wie nichts. Zu unserem Nutzen werden sie allein in Deutschland jährlich zu hunderten Millionen eingesperrt, genutzt und getötet. Besonders verwundbar macht sie zudem, dass sie sich selbst kein Gehör verschaffen können. Die Fragen, die sich meines Erachtens jedem und jeder Linken aufdrängen müssen, lauten daher: Kann all dieses Leid gerechtfertigt werden? Und wenn nicht, müssen die Situation von nichtmenschlichen Tieren und die diesem zugrundeliegenden gesellschaftlichen Bedingungen nicht ebenfalls kritisiert und angegangen werden?

Nur weil sich nichtmenschliche Tiere von uns Menschen unterscheiden, heißt das nicht, dass sie moralisch betrachtet nicht zählen

Nichtmenschliche Tiere sind sicher nicht in jeglicher Hinsicht mit uns Menschen vergleichbar. Wenngleich uns gerade die jüngere Verhaltensforschung immer mehr erkennen lässt, wie fließend die Grenzen zwischen einzelnen Spezies sind und wie komplex das Verhalten und Bewusstsein von vielen nichtmenschlichen Tieren ist, betreibt wohl keines von ihnen höhere Mathematik, interpretiert Gedichte oder macht sich Gedanken über globale Gerechtigkeit. Selbst die intelligentesten unter allen nichtmenschlichen Tieren, die sich weit weniger von uns unterscheiden als vielen bekannt ist, sind dazu nicht in der Lage.

Die entscheidende Frage ist allerdings, ob diese Einsicht überhaupt von Bedeutung ist, wenn es darum geht, wie wir Menschen uns gegenüber nichtmenschlichen Tieren verhalten sollten. Mit einiger Sicherheit können wir heute nämlich sagen, dass zumindest all jene Lebewesen, die über ein zentrales Nervensystem verfügen, alle Erfahrungen, die sie machen, bewusst erleben. Nichtmenschliche Tiere sind folglich keine instinktgetriebenen komplexen Automaten, sondern empfindungsfähige Individuen. Insofern muss auch klar sein, dass diese all das Leid, das ihnen zugefügt wird, bewusst wahrnehmen. Inwiefern sich die kognitiven Fähigkeiten und mentalen Zustände von nichtmenschlichen Tieren von unseren unterscheiden, ist deshalb erst einmal zweitrangig, wenn es darum geht, was wir mit nichtmenschlichen Tieren tun dürfen und was nicht. Dies ist, grob vereinfacht, der Ausgangspunkt vieler tierethischer Positionen. So gut wie niemand würde deshalb heute noch behaupten, dass nichtmenschliche Tiere moralisch betrachtet irrelevant sind. Vielmehr verdienen sie grundsätzlich ebenso wie Menschen ein erfülltes Leben ohne Schmerz und Leid.

Eine komplizierte Frage ist allerdings, was daraus nun genau folgt. Gibt es somit gar keine Fälle, in denen es moralisch gerechtfertigt ist, nichtmenschliche Tiere zu nutzen, zu schädigen und zu töten? Geschmacksvorlieben oder Bequemlichkeit, soviel ist klar, können sicher keine guten Gründe liefern, um Tierhaltung und -tötung zu rechtfertigen. Das vermeintliche Recht auf ein Wurstbrötchen sticht das Recht eines empfindsamen nichtmenschlichen Tieres, nicht geschädigt zu werden, wohl sicher nicht aus. Und Ähnliches lässt sich über weitere tierische Produkte wie Milcherzeugnisse oder Pelzmäntel sagen, durch welche nichtmenschliche Tiere zu Schaden kommen.

Weniger eindeutig sind Fälle, bei denen sich plausible moralische Gegengründe anführen lassen. Die schwierigste Frage dürfte dabei wohl sein, wie es mit Tierversuchen zu medizinischen Zwecken aussieht. Hier scheint es zunächst durchaus eine gute „Entschuldigung“ für das Leid von nichtmenschlichen Tieren zu geben: Dieses kann durch medizinischen Fortschritt, der sich für uns Menschen ergibt, gewissermaßen ausgeglichen und somit gerechtfertigt werden. Obwohl dies auf den ersten Blick sicher einleuchten mag, darf auch bei einer solchen Argumentation ein grundsätzlicher Punkt nicht übersehen werden: Muss es nicht fraglich scheinen, ob wir das Leben eines Lebewesens wirklich so einfach gegen das eines anderen aufrechnen dürfen – einmal abgesehen davon, wie qualvoll Tierversuche häufig sind und wie viele nichtmenschliche Tiere dabei „verbraucht“ werden? Vermutlich lässt sich hierbei keine pauschale Antwort geben, die für alle Tierversuche gelten kann. Klar aber ist, dass besonders invasive und schmerzhafte Versuche so schnell wie möglich beendet werden sollten und grundsätzlich nach Alternativen zu Tierversuchen gesucht werden muss.

Zusammenfassend kann festgehalten werden: Im Detail mag die Argumentation für Tierrechte noch einige Fragen aufwerfen, die an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden können. Grundsätzlich dürfte aber klar geworden sein, dass die Schädigung von nichtmenschlichen Tieren für menschliche Zwecke immer unter enormen Rechtfertigungsdruck steht und nur in ganz wenigen Fällen gerechtfertigt sein dürfte.

Linke Politik und Tierrechte

Was folgt daraus nun für Linke und linke Politik? Nun ja, grundsätzlich gesprochen natürlich, dass das Thema Tierrechte von Linken aufgegriffen werden muss. Links sein zu wollen und die Situation von nichtmenschlichen Tieren zu ignorieren, kann meines Erachtens nur in einem Widerspruch oder Dogmatismus enden, der sich wissenschaftlichen Erkenntnissen und rationalen Argumenten verschließt.

Individuell betrachtet muss sicher jede*r für sich entscheiden, inwiefern über Konsumverhalten versucht wird, Einfluss zu nehmen und die Ausbeutung von nichtmenschlichen Tieren zu bekämpfen. Wer konsequent sein möchte und kann, muss so weit es geht auf die entsprechenden tierischen Produkte verzichten (was ich selbst übrigens auch nicht immer schaffe).

Darüber hinaus muss linke Politik gesellschaftliche Zusammenhänge, die mit der kategorialen Unterscheidung von Mensch und Tier verbunden sind, in den Blick nehmen und institutionelle Veränderungen anstreben. Tierrechte ernst zu nehmen, bedeutet nämlich nicht einfach, für etwas weniger schlimme Verhältnisse zu sorgen, sondern Probleme grundsätzlich zu reflektieren, zu kritisieren und zu beheben. Letzten Endes würde daraus folgen, dass zunächst einmal jedes nichtmenschliche Tier davor geschützt werden muss, zu bloßen Mitteln zu unseren Zwecken degradiert zu werden. Genau aus diesem Grund greift es auch zu kurz, das Wohl von nichtmenschlichen Tieren lediglich unter den Punkten Umweltschutz oder Klimawandel zu verhandeln. Artensterben und der Beitrag der Massentierhaltung zur globalen Erwärmung und Nahrungsmittelversorgung sind äußerst wichtige Themen – sie sollten allerdings nicht die Forderung überdecken, dass nichtmenschliche Tiere individuellen Schutz verdienen.

Natürlich sind die Gefahren, die eine solche universalistische Argumentation bedingt, ebenfalls zu reflektieren. Dies darf aber kein Grund sein, sich hier und jetzt nicht für die Rechte von nichtmenschlichen Tieren einzusetzen.

Fußnote

[1] Selbstverständlich haben in der Vergangenheit bereits zahlreiche Personen darauf hingewiesen, weshalb und inwieweit Linkssein und der Einsatz für nichtmenschliche Tiere zusammengehören. Ganz klassisch ist hierbei der Artikel Sogar Vegetarier von Willi Eichler zu nennen. Für einen einführenden aktuellen Beitrag sei zudem auf Der Veganismus und die Politische Linke von Adriano Mannino verwiesen.

[2] Biologisch betrachtet sind wir Menschen ebenfalls Tiere, weshalb es sinnvoll ist, von „nichtmenschlichen“ Tieren zu sprechen. Sinnvoll ist dies aber nicht nur der begrifflichen Klarheit wegen, sondern auch, um einem unkritischen dualistischen Verständnis von Mensch und Tier entgegenzuwirken. Daher wird im weiteren Verlauf konsequent von „nichtmenschlichen Tieren“ gesprochen, auch wenn dies der Leserlichkeit an mancher Stelle etwas im Weg stehen mag.

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Über den/die Autor*in

studiert Politische Theorie in Frankfurt und Darmstadt und engagiert sich u.a. bei Sozis für Tiere.



5 Responses to Wer links sein will, darf das Leid von nichtmenschlichen Tieren nicht ignorieren

  1. Schwester S. says:

    Ganz klarer Fall: Links heißt auch Tierrechrechte! Was gibt es da zu diskutieren? Mensch + Tier = empfindende Lebewesen = frei = schutzbedürftig!

    Konsequenz: wer das nicht so sieht, bejaht Quälen von Lebewesen!

  2. Marc Hohrath says:

    Der Gedanke, dass Linke keine Tiere essen / ausbeuten dürfen, ist nicht neu, aber leider in Vergessenheit geraten. Zeit, das endlich richtig zu stellen!

    “Ein Arbeiter, der nicht nur ein verhinderter Kapitalist sein will, und dem es also ernst ist mit dem Kampf gegen jede Unterdrückung, der beugt sich nicht der verächtlichen Gewohnheit, harmlose Tiere auszubeuten. Der beteiligt sich nicht an dem täglichen, millionenfachen Mord!” (Leonard Nelson, Sozialist, 1882-1927)

  3. Moritz says:

    Guter Artikel erstmal. Auf jeden Fall super, dass Thema links und vegan aufzugreifen.

    Trotzdem stören mich zwei Punkte:

    a) “Individuell betrachtet muss sicher jede*r für sich entscheiden, inwiefern über Konsumverhalten versucht wird, Einfluss zu nehmen und die Ausbeutung von nichtmenschlichen Tieren zu bekämpfen.” Ist das jetzt am Ende doch wieder eine Relativierung? Was ist damit gemeint, jeder muss am Ende für sich selbst entscheiden – es geht doch um das Wohl/ Leid anderer, und nicht um das eigene Gewissen.
    b) Der Grundgedanken des Artikels ist vielleicht etwas zu stark auf die reine Empfindungsfähigkeit gerichtet. Es ist wohl auch schon problematisch, wenn ein Leben ohne triftigen Grund beendet wird – auch wenn das nicht zwingen heißen muss, dass dabei ein empfindungsfähiges Wesen leiden muss.
    Könnte man nicht einfach sagen, dass man wirklich gute Gründe braucht, um physische oder psychische Schädigung von bewusstem Leben zu rechtfertigen? Das würde etwas mehr einfassen und dennoch in einem klaren Rahmen liegen.

  4. Stefan says:

    Um meinem obigen Kommentar verstehbarer zu machen: Punkte 1-3 sind allgemeiner gehalten, ihr findet sie nicht direkt im Text, sie sind häufige “Argumente” in der Diskussion. Die Anführungszeichen deshalb, weil eine solche Argumentation meines Erachtens nach super schwach ist und eigentlich nicht mal eine Erwiderung notwendig macht.

    Ich finde es super spannend, dass bisher keine weiteren Kommentare geschrieben wurden. Das lässt ja eher auf Zustimmung schließen und das hätte ich in diesen Kreisen aufgrund von teils positiven wie negativen Erfahrungen bei den Jusos, so noch nicht erwartet. =)

  5. Stefan says:

    1. Einige Anmerkungen grundsätzlicher Art: Ganzklar: “Haben wir schon immer so gemacht” oder “Wir sind die stärkeren” können keine Argumente innerhalb der Jusos sein.

    2. “Tiere essen auch Tiere” taugt aus vielen Gründen nicht, um es abzukürzen: Gemeinhin wird angenommen, dass Tiere sich nicht moralisch entscheiden können, insofern können sie auch nicht moralisch falsch liegen, insofern mache Tiere nichts falsch, wir wohlmöglich schon.

    3. Ich habe schon den Eindruck, dass das eine politische Frage ist. Der Fehler der häufig gemacht wird ist ja zu sagen: Es ist mein Fleisch. Dabei ist es ja gar nicht ihr Fleisch, sondern das Fleisch eines anderen Lebewesens und dann müssen die Interessen des Lebewesens an seinem Leben und die Interessen des Konsumenten an einem Schnitzel/Steak/Salami-Brötchen abgewogen werden. Die Freiheit des einen geht immer nur bis zur Nase des Anderen.

    4. Marco fängt zwar an über Folgen für linke Gruppen zu sprechen, führt das aber nicht weiter aus. Ich glaube es würde den Jusos gut zu Gesicht stehen, das Ernährungsangebot bei eigenen Veranstaltungen stark zu hinterfragen, weil mit dem Ernährungsangebot bei den eigenen Veranstaltungen auf denen wir über eine “gerechtere Welt” reden viel Leid verbunden ist. Die Grüne Jugend (http://www.gruene-jugend.de/node/14081), Amnesty International (http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/amnesty-international-vegan) aber auch einige Gewerkschaften sind da schon weiter.

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